10. Transpersonalität

Bis­her ha­ben wir den Be­griff Ver­mitt­lung in ei­nem in­tui­ti­ven Ver­ständ­nis ge­braucht. Sut­ter­lüt­ti und Me­retz füh­ren fol­gen­de De­fi­ni­ti­on an:

Ei­ne Ge­sell­schaft be­steht aus Men­schen, die durch in­ter­per­so­na­le oder trans­per­so­na­le Be­zie­hun­gen ver­bun­den sind. Die Art wie sie mit­ein­an­der in Be­zie­hung ste­hen, fasst der Be­griff Ver­mitt­lung. So kön­nen et­wa Zwang und Ge­walt Be­zie­hun­gen her­stel­len oder aber Ver­trag und Tausch auf ei­nem Markt. Die Form ei­ner Ge­sell­schaft ist durch die Art ih­rer Ver­mitt­lung be­stimmt. (KA 25)

Die­ser über­mä­ßig weit ge­fass­ten Vor­stel­lung von Ver­mitt­lung, die ja fak­tisch auf jeg­li­che Qua­li­tät ei­ner Ver­bin­dung ab­stel­len kann, soll hier nicht ge­folgt wer­den; dar­in fehlt of­fen­sicht­lich das de­fi­nie­ren­de Mo­ment, dass Ver­mitt­lung von au­ßen, al­so durch Drit­te (Ver­mitt­lungs­per­so­nen au­ßer­halb der ver­mit­tel­ten Ver­bin­dung) er­folgt.

Da­her wol­len wir un­ter Ver­mitt­lung von nun an die Her­stel­lung (Re*pro­duk­ti­on) von Ver­bun­den­heit durch Drit­te ver­ste­hen, wo­bei in der kon­kre­ten Ver­mitt­lungs­hand­lung die Drit­ten kei­ne Men­schen sein müs­sen, son­dern es sich auch um für die vor­sor­gen­de Ver­mitt­lung her­ge­stell­te Din­ge wie Me­di­en oder Soft­ware han­deln kann. Wir kön­nen dann die Men­schen, die die­se Din­ge her­ge­stellt ha­ben, hilfs­wei­se als Ver­mit­teln­de an­se­hen, wo­bei es in die­sem Fall aber ei­nen ganz we­sent­li­chen Un­ter­schied macht, ob die Ver­mit­teln­den dann auch ein per­sön­li­ches In­ter­es­se an der kon­kre­ten Ver­mitt­lung ha­ben. In letz­te­rem Fall ist es an­ge­mes­sen, von ei­ner Ver­mitt­lung durch ei­nen Men­schen zu spre­chen, auch wenn der Mensch an der Ver­mitt­lungs­hand­lung selbst nicht be­tei­ligt ist.

Da wir zwi­schen Ver­bun­den­heit i.e.S. und Ver­bun­den­heit i.w.S. un­ter­schie­den ha­ben, wo­bei sie im en­gen Sin­ne auf die Ver­bin­dungs­be­dürf­nis­se bzw. den in­klu­si­ons­lo­gi­schen Kern be­schränkt ist und im wei­te­ren Sin­ne ih­re (ma­te­ri­el­len und so­zia­len) Hin­ter­grund­be­din­gun­gen mit ein­schließt, er­hal­ten wir ent­spre­chend auch ein Ver­ständ­nis von Ver­mitt­lung im en­gen und wei­ten Sinn, eben da­von ab­hän­gig, auf wel­ches Ver­ständ­nis von her­ge­stell­ter Ver­bun­den­heit wir uns be­zie­hen.

Dies im­pli­ziert auch, dass Ver­mitt­lung ei­nes in­klu­si­ons­lo­gi­schen Kern ha­ben muss, al­so zu­min­dest an ir­gend­ei­ner Stel­le In­klu her­stel­len muss. Wenn dies nicht er­folgt, muss der Ver­such der Ver­mitt­lung als ge­schei­tert an­ge­se­hen wer­den; es hat dann al­so kei­ne Ver­mitt­lung statt­ge­fun­den. Spre­chen wir da­von, dass un­se­re* Ver­bin­dung ex­klu­si­ons­lo­gisch ver­mit­telt ist, so muss da­mit al­so die Ver­mitt­lung i.w.S. ge­meint sein, al­so dass ne­ben ei­nem in­klu­si­ons­lo­gi­schen Kern auch je­de Men­ge Ex­klu­si­ons­li­ni­en ver­mit­telt wer­den. Was wir eben­falls nicht in Be­tracht zie­hen, ist die rein or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­mitt­lung, al­so ei­ne Art von Ver­mitt­lung, die über­haupt nicht auf die Her­stel­lung von Ver­bun­den­heit ab­zielt. Die­se ent­spricht zwar auch (als Grenz­fall) ei­nem mög­li­chen Ver­ständ­nis von Ver­mitt­lung, soll aber für un­se­re Zwe­cke hier nicht be­trach­tet wer­den.

Da wir Ver­mitt­lung als Her­stel­lung von Ver­bun­den­heit durch Drit­te de­fi­niert ha­ben, be­zieht der in­klu­si­ons- oder ex­klu­si­ons­lo­gi­sche Cha­rak­ter der Ver­mitt­lung sich al­so auf ei­ne Ver­bin­dung, an der die Ver­mitt­lungs­per­son – falls es sich denn um ei­nen Men­schen han­delt – selbst nicht be­tei­ligt ist. Bei der Dis­kus­si­on von Ver­ei­ni­gun­gen wer­den wir aber ent­spre­chen­de Be­grif­fe ein­füh­ren, die auch auf die Ver­bin­dung zu der Ver­mitt­lungs­per­son ab­stel­len.

Kei­ne Ver­bin­dung exis­tiert, oh­ne dass sie ver­mit­telt wird. Gleich­zei­tig fin­det die Ver­mitt­lung selbst wie­der­um in an­de­ren Ver­bin­dun­gen statt, und die Ver­bin­dung kann nur sta­bil, ver­trau­ens­voll und er­fül­lend sein, wenn die Ver­bin­dun­gen, die in ihr ver­mit­telt wer­den, es eben­so sind (an­de­ren­falls wür­den sich die Pro­ble­me der ver­mit­tel­ten Ver­bin­dun­gen auf die ver­mit­teln­de Ver­bin­dung durch­schla­gen). Ei­ne Än­de­rung der Ver­bin­dungs­wei­se ist da­her gleich­be­deu­tend mit ei­ner Än­de­rung der Ver­mitt­lungs­wei­se.

Ver­mitt­lung ist nicht auf (da­zu) be­stimm­te Per­so­nen oder auf be­stimm­te Si­tua­tio­nen (Fäl­le) be­schränkt; viel­mehr fin­det in je­der Ver­bin­dung der über­wie­gen­de Teil der Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht di­rekt, son­dern ver­mit­telt statt. Un­se­re ge­sam­te ge­sell­schaft­li­che Exis­tenz ist ver­mit­telt, un­se­re ge­sam­te So­zia­li­sa­ti­on ist Ver­mitt­lung. Die ver­mit­teln­den In­stan­zen der Ge­sell­schaft sor­gen be­reits in ei­nem be­trächt­li­chen Aus­maß da­für, dass un­se­re Dis­po­si­tio­nen (in ge­wis­ser Wei­se) zu­ein­an­der pas­sen. Al­ler­dings:

  • Sie ori­en­tie­ren sich da­bei nicht an In­klu­si­ons­li­ni­en, son­dern trei­ben uns bis­wei­len ab­sicht­lich in die Kon­kur­renz hin­ein, und:
  • Die Ver­mitt­lung läuft nicht per­sön­lich, nimmt al­so nicht auf un­se­re tat­säch­lich be­ste­hen­den Dis­po­si­tio­nen Be­zug, son­dern legt ein­fach al­len Men­schen von grund­auf fremd­be­stimm­te Dis­po­si­tio­nen auf.

Ein we­sent­li­cher Teil der Ver­mitt­lung läuft über die In­sti­tu­tio­nen der Wi­pro (z.B. Er­zie­hung, Bil­dungs­sys­tem, Me­di­en) ab, die die Ver­bin­dun­gen der Men­schen re­geln, in­dem sie ih­nen vor­schrei­ben, wie sie sich in ih­ren je­wei­li­gen Rol­len zu ver­hal­ten ha­ben.

Da wir Ver­mitt­lung i.e.S. als Her­stel­len von In­klu, als Zu­ein­an­der-pas­send-Ma­chen von Dis­po­si­tio­nen ver­ste­hen, gibt es nun grund­sätz­lich zwei Po­le der Ver­mitt­lung, näm­lich ein­mal, von den be­reits vor­han­de­nen Dis­po­si­tio­nen aus­zu­ge­hen und die­se durch mög­lichst ge­ring­fü­gi­ge Mo­di­fi­ka­tio­nen ein­an­der an­zu­pas­sen, oder die­se zu igno­rie­ren und den Ver­mit­tel­ten von Grund auf neue Dis­po­si­tio­nen auf­zu­er­le­gen. Von den be­ste­hen­den Dis­po­si­tio­nen aus­zu­ge­hen, wür­de wohl eher dem All­tags­ver­ständ­nis von Ver­mitt­lung ent­spre­chen. Dem hier ver­wen­de­ten Ver­ständ­nis als je­dem Akt, durch den von au­ßen Ver­bin­dun­gen her­ge­stellt und Dis­po­si­tio­nen in Ein­klang ge­bracht wer­den, ent­spricht aber bei­des, es schließt al­so z.B. auch Macht­struk­tu­ren mit ein. Die Frei­heit der Men­schen hängt we­sent­lich da­von ab, wie­weit ih­re be­ste­hen­den Dis­po­si­tio­nen bei der Ver­mitt­lung be­rück­sich­tigt wer­den.

Es ist aber daher we­sent­li­ches Qua­li­täts­merk­mal der Ver­mitt­lung, wie per­sön­lich sie er­folgt, in­wie­fern al­so die Ver­mit­teln­den tat­säch­lich mit den Vermittelten kom­mu­ni­zie­ren, de­ren Dis­po­si­tio­nen ken­nen und die­se be­rück­sich­ti­gen, anstatt nur auf­grund all­ge­mei­ner An­nah­men zu ver­mit­teln, so­dass der Ver­mitt­lungs­er­folg mehr oder we­ni­ger zu­fäl­lig ein­tre­ten muss.

So­weit ei­ne Ver­bin­dung ver­mit­telt ist, wird sie auch trans­per­so­nal ge­nannt, und in­ter­per­so­nal, so­weit dies nicht der Fall ist, so­weit sie al­so durch di­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Be­tei­lig­ten selbst ge­schaf­fen ist. Ei­ne Ver­bin­dung heißt in­ter­per­so­nal, wenn sie ei­nen in­ter­per­so­na­len An­teil hat, und sonst trans­per­so­nal. Trans­per­so­na­li­tät ist ei­ne an­de­re, sta­ti­sche Sicht­wei­se auf das dy­na­mi­sche Phä­no­men der Ver­mitt­lung.

Da wir er­kannt ha­ben, dass je­de Ver­bin­dung im we­sent­li­chen ver­mit­telt ist, gilt al­so auch: Selbst bei in­ter­per­so­na­len Ver­bin­dun­gen ist das In­ter­per­so­na­le nur die Spit­ze des Eis­bergs der Ver­bin­dung. Der weit­aus über­wie­gen­de Teil je­der Ver­bin­dung ist trans­per­so­nal, al­so ver­mit­telt; denn kei­ne Ver­bin­dung könn­te exis­tie­ren oh­ne ei­ne Hin­ter­grund­kul­tur, von der wir* ler­nen, wie die Ver­bin­dung funk­tio­niert, und oh­ne die kon­kre­ten Per­so­nen aus dem Um­feld der Ver­bun­de­nen, durch die die­se Ver­bin­dung zu­stan­de kommt, durch die Er­war­tun­gen ge­weckt wer­den, In­for­ma­tio­nen über die an­de­ren ver­teilt wer­den, ein ge­mein­sa­mes so­zia­les Um­feld ge­schaf­fen wird, ver­mit­telt wird.

Un­se­re* ge­sam­te So­zia­li­sa­ti­on ist ja letzt­lich Vor­be­rei­tung zur Ver­bin­dung und so­mit Teil ih­rer trans­per­so­na­len Ver­mitt­lung. Selbst Men­schen, die nur ein­zel­ne Per­so­nen oder gar nie­man­den aus der Ver­bin­dung ken­nen, ver­mit­teln in ihr, in­dem sie den ein­zel­nen Be­tei­lig­ten die­sel­be Kul­tur ver­mit­teln, und sie kön­nen u.U. auch im kon­kre­ten Ein­zel­fall selbst oh­ne Kennt­nis der an­de­ren Per­so­nen ver­mit­teln, da sie die all­ge­mei­ne Kul­tur ken­nen und an­zu­neh­men ist, dass die Ver­bun­de­nen die­se eben­falls weit­ge­hend ken­nen wer­den.

Wenn ich sa­ge je­de Ver­bin­dung ist im we­sent­li­chen Trans­per­so­nal, dann mei­ne ich da­mit, dass die in­ter­per­so­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on – wenn sie denn über­haupt statt­fin­det – durch die trans­per­so­na­le Ver­mitt­lung be­dingt ist. Durch trans­per­so­na­le Ver­mitt­lung wird al­so die De­fi­ni­ti­on der Si­tua­ti­on ge­schaf­fen, wird über die Frei­heit des Sub­jekt be­stimmt, wer­den we­sent­li­che Ent­schei­dun­gen für das Sub­jekt ge­sell­schaft­lich vor­sor­gend ge­trof­fen. Was sich in­ner­halb der in­ter­per­so­na­len Ver­bin­dung ab­spielt ist ver­gleichs­wei­se un­be­deu­tend da­zu, wie die­se Ver­bin­dung trans­per­so­nal, al­so ge­sell­schaft­lich ge­schaf­fen wird.

Auch Ca­re­-Verbindungen sind, wenn­gleich das in­ter­per­so­na­le Mo­ment sie aus­zeich­net, trotz­dem eben­falls in ers­ter Li­nie trans­per­so­nal im Sin­ne von trans­per­so­nal de­ter­mi­niert, da Sor­getragende ja selbst nur in dem Rahmen handeln können, der ihnen von der Gemeinschaft, die sie selbst so­zia­li­siert hat, ermöglicht wurde.

In man­chen An­sät­zen bei­spiels­wei­se aus dem Um­feld so­li­da­ri­scher Öko­no­mie, De­growth und al­ter­na­ti­ven Le­bens­for­men wird die Ent­frem­dung von der Ge­sell­schaft er­kannt. Al­ler­dings wird die­se Ent­frem­dung als bloß in­ter­per­so­na­le Er­schei­nung er­fasst: Wir fühl­ten uns mit an­de­ren Men­schen nicht ver­bun­den, und oh­ne Ver­bun­den­heit könn­ten wir kei­ne ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­rung er­rei­chen. Al­so müss­ten wir uns zu­nächst mit an­de­ren ver­bin­den. – Die­se Über­le­gung ist nicht falsch, nur greift sie zu kurz. Sie über­sieht, dass wir be­reits mit al­len Men­schen ver­bun­den sind – und zwar trans­per­so­nal. Wir sind al­so nicht zu­erst un­ver­bun­de­ne Ein­zel­ne, die »nach drau­ßen« ge­hen müs­sen, um sich zu ver­bin­den – die Ver­bin­dung ist schon da. Wir er­le­ben sie nur nicht. Wir müs­sen Ver­bun­den­heit nicht erst in­ter­per­so­nal her­stel­len, son­dern uns fra­gen, wa­rum die be­ste­hen­de trans­per­so­na­le Ver­bun­den­heit als Tren­nung, Fremd­heit oder An­ony­mi­tät er­fah­ren wird. Ei­ne bloß in­ter­per­so­na­le Kri­tik an Ent­frem­dung rich­tet sich nicht ge­gen die ka­pi­ta­lis­ti­sche Form der Ver­bin­dung, die sich nur als Tren­nung zei­gen kann …, son­dern ver­sucht eben die­se er­leb­te Tren­nung in­ter­per­so­nal zu re­pa­rie­ren. Da­mit schei­nen aber Fremd­heit oder An­ony­mi­tät Ge­sell­schaf­ten ge­ne­rell im­ma­nent zu sein. (KA 105f)

Trans­per­so­na­li­tät muss also von An­fang an im Zen­trum der Trans­for­ma­ti­on un­se­rer* Ver­mitt­lungs­wei­se ste­hen. Es kommt dar­auf an, Trans­per­so­na­li­sie­rung … vor der ge­sell­schaft­li­chen Ver­all­ge­mei­ne­rung zu den­ken (Klick 2020).

Von da­her macht es auch über­haupt kei­nen Sinn, al­ter­na­ti­ve So­zi­al­struk­tu­ren erst im In­ter­per­so­na­len zu ent­wi­ckeln und dann auf die trans­per­so­na­le Ebe­ne an­zu­he­ben; viel­mehr er­for­dert es die Ge­stal­tung in­ter­per­so­na­ler Ver­bin­dun­gen be­reits, dass wir un­se­re ge­sam­te Ge­stal­tungs­macht auf trans­per­so­na­ler Ebe­ne ein­set­zen; sie er­for­dert, das Ver­mit­teln zu ler­nen und ef­fek­ti­ve Ver­mitt­lungs­struk­tu­ren auf­zu­bau­en. Und nichts an­de­res als Ver­mitt­lung ist ja Trans­per­so­na­li­tät, auch im gro­ßen Stil.

Wenn die Trans­per­so­na­li­sie­rung hin­ge­gen erst im Do­mi­nanzwech­sel voll­zo­gen wird, ist die Re­vo­lu­ti­on zum Schei­tern ver­ur­teilt. Au­ßer­dem kön­nen sich er­füll­te in­ter­per­so­na­le Ver­bin­dun­gen über­haupt erst ent­wi­ckeln, wenn sie durch frucht­ba­re trans­per­so­na­le Ver­bin­dun­gen un­ter­stützt wer­den, da nur durch die­se der Zu­gang zur Kul­tur und zum ge­sell­schaft­li­chen Wis­sen er­mög­licht wird, und de­ren Qua­li­tät da­her we­sent­lich von der trans­per­so­na­len Nä­he zum Sub­jekt, d.h. von der Qua­li­tät der trans­per­so­na­len Ver­bin­dun­gen ab­hängt.

Die Vor­stel­lung, auch in­ten­si­ve, er­fül­len­de trans­per­so­na­le Ver­bin­dun­gen ha­ben zu kön­nen, mag auf den ers­ten Blick zu­tiefst be­fremd­lich er­schei­nen, ist doch das Ex­klu-Sys­tem voll­kom­men von dem Prin­zip durch­zo­gen, dass al­les au­ßer­halb der in­ter­per­so­na­len Sphä­re aus­schließ­lich durch Ex­klu­si­ons­lo­gik be­stimmt wird. Ver­bin­dun­gen im trans­per­so­na­len Raum kön­nen da­her un­mög­lich ei­nen An­ker­punkt in un­se­rem Le­ben dar­stel­len; Ver­bun­den­heit und ein er­füll­tes So­zi­al­le­ben as­so­zi­ie­ren wir aus­schließ­lich mit in­ter­per­so­na­len Ver­bin­dun­gen.

Doch wie­weit ist die­se Wahr­neh­mung ge­sell­schaft­lich kon­stru­iert, al­so ver­zerrt? Wenn wir die Vor­stel­lung zu­las­sen, dass In­klu trans­per­so­nal ver­mit­tel­bar wird, so öff­net dies die Tür zu ei­ner völ­lig neu­en Art von Ver­bin­dung, in der wir, durch un­se­re (in­ter- und trans­per­so­na­len) Mit­men­schen ver­mit­telt die Be­dürf­nis­se ei­ner le­dig­lich trans­per­so­nal ver­bun­de­nen Per­son ken­nen und wis­sen wie wir die­se in un­se­rem* ei­ge­nen Han­deln mit ein­be­zie­hen kön­nen, und de­ren Er­fah­run­gen, die für uns wert­voll sind, durch an­de­re Mit­men­schen ver­mit­telt zu be­kom­men.

Ein Satz wie Lie­be ist trans­per­so­nal mag pro­vo­zie­ren, hat aber ei­nen (ent­schei­den­den) wah­ren Kern, denn das We­sent­li­che der Ver­bin­dung ist trans­per­so­nal, und es ist das Trans­per­so­na­le, was sich im We­sent­li­chen ge­stal­ten lässt.

Im Ka­pi­ta­lis­mus stel­len die in­ter­per­so­na­len Ver­bin­dun­gen Pflänz­chen in ei­nem rei­ßen­den Strom dar, die ver­zwei­felt ver­su­chen, dem töd­li­chen Sturm des Trans­per­so­na­len stand­zu­hal­ten. Wir kön­nen uns aber das Trans­per­so­na­le auch als ei­nen gro­ßen Baum vor­stel­len, der den Le­bens­raum für die vie­len klei­nen Le­bens­for­men des In­ter­per­so­na­len be­reit­stellt.

Dies wird ins­be­son­de­re dann plau­si­bel, wenn wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass die Men­schen­heit seit An­be­ginn der Zi­vi­li­sa­ti­on ein her­aus­ra­gen­des Ta­lent be­weist, solch see­li­sche Ver­bun­den­heit im Trans­per­so­na­len zu kon­stru­ie­ren und das Le­ben dar­an aus­zu­rich­ten. Sie nutzt dies aber an fal­scher Stel­le, näm­lich für Ver­bun­den­heit zu Göt­tern an­stel­le von Men­schen. Für vie­le Men­schen im Lau­fe der Ge­schich­te war die Religion der ent­schei­den­de Be­stim­mungs­fak­tor des Le­bens. Es er­scheint nicht all­zu spe­ku­la­tiv, durch ge­schick­te Ver­mitt­lungs­ar­beit die­se über­aus mäch­ti­ge mensch­li­che Trieb­kraft an­statt auf ein ima­gi­nä­res Äu­ße­res auf (ge­eig­ne­te) Mit­men­schen aus­zu­rich­ten und so das (trans­per­so­na­le) Ver­bin­dungs­ge­flecht zur pri­mä­ren Trieb­fe­der un­se­rer Ak­ti­vi­tä­ten zu ma­chen.

Der Com­mo­nis­mus ist kein har­mo­ni­sches Pa­ra­dies. Es ist die Ver­mitt­lung der Mensch­heit mit sich selbst. (KA 189)

Wie aber soll­te Ver­mitt­lung ge­sche­hen? Wir ha­ben bei der Dis­kus­si­on der Kom­mu­ni­ka­ti­on den Wert in­tel­li­gen­ter, grund­sätz­lich mensch­li­cher Ver­mitt­lung er­kannt. Wir ha­ben mit der tran­si­ti­ven In­klu-Ver­mitt­lung auch ei­ne grund­le­gen­de Kon­zep­ti­on ent­wi­ckelt, wie sich die­se an­spruchs­vol­le Form der Ver­mitt­lung ziel­ge­rich­tet ein­set­zen und ska­lie­ren lässt.

Die Or­ga­ni­sa­ti­on durch di­rek­te Ver­mitt­lung der Kom­mu­ni­ka­ti­on lässt sich als fort­schritt­lichs­te und in­tel­li­gen­tes­te Art an­se­hen, die Ge­sell­schaft zu or­ga­ni­sie­ren. Al­le an­de­ren In­sti­tu­tio­nen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen In­stru­men­te sind am En­de un­voll­kom­me­ne Rea­li­sie­run­gen von Kon­zep­ten der Ver­mitt­lung, so auch die stig­mer­gi­schen Ver­mitt­lung, die in KA Kap. 6.3.3 beschrieben wird.

Das Nut­zen stig­mer­gi­scher Netz­wer­ke ent­las­tet na­tür­lich da­von, als In­di­vi­du­um selbst in al­len Le­bens­be­rei­chen von der lo­ka­len Ebe­ne bis zur glo­ba­len hin mit­mi­schen zu müs­sen. Al­ler­dings be­deu­tet dies auch, dass ich ei­nen gro­ßen Teil an Ent­schei­dun­gen nicht mit tref­fen wer­de. Dies ist wahr­schein­lich un­auf­heb­bar, wenn ich von ei­nem Sys­tem­cha­rak­ter des je­wei­li­gen über­grei­fen­den Netz­wer­kes aus­ge­he (Emer­genz). Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn auf die­se Wei­se zwar für die ver­all­ge­mei­ner­ten An­de­ren mit ge­ar­bei­tet wird aber die Ge­stal­tung des Stig­mer­gie-Net­zes als des Zu­sam­men­han­ges, der al­les um­greift und da­mit be­stimmt, den Men­schen ent­zo­gen ist. (Schlemm 2018)

Stig­mer­gie bzw. Schwar­min­tel­li­genz ist als Kon­zept zu kurz ge­grif­fen, denn Na­tu­ra­li­sie­rung mensch­li­cher In­ter­ak­tio­nen [ist] mys­ti­fit­zie­ren­de Ideo­lo­gi­sie­rung [und da­her] Flucht aus der Ver­ant­wor­tung ge­gen­über der Her­aus­for­de­rung, ein glo­ba­les Mit­ein­an­der auf Ba­sis ei­nes am En­de welt­ge­mein­schaft­li­chen Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ments zu er­ar­bei­ten (Bärmann 2013).

Die Ge­stal­tung der ver­mit­teln­den Kom­mu­ni­ka­ti­on bzw. der kom­mu­ni­ka­ti­ven Ver­mitt­lung ist ein ent­schei­den­der Fak­tor je­der frei­en Ge­sell­schaft, al­lein schon, da­mit auch die Be­dürf­nis­se de­rer wahr­ge­nom­men und ver­stan­den wer­den, die ko­gni­tiv oder kom­mu­ni­ka­tiv be­ein­träch­tigt sind oder … – und das ist viel wahr­schein­li­cher – [die] man … ein­fach noch nie ge­fragt hat (Lutosch 2021). Denn oh­ne in­tel­li­gen­te Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­se wird ei­ne Ge­mein­schaft sonst der Ty­ran­nei der Struk­tur­lo­sig­keit (Free­man 1970) ver­fal­len, d.h. es wer­den in­for­mel­le Struk­tu­ren be­för­der[t], [die] Macht­ver­hält­nis­se nicht et­wa ver­hin­dern, son­dern ver­schlei­ern und da­durch wie­der­um ver­stär­ken (Lu­tosch 2021).

An­ders als in KA stel­len hier al­so nicht Frei­wil­lig­keit und kol­lek­ti­ve Ver­fü­gung (KA Kap. 6.1.2) die rich­tungs­wei­sen­den For­men der Ver­mitt­lung in der frei­en Ge­sell­schaft dar, son­dern (sys­te­ma­tisch or­ga­ni­sier­te) Kom­mu­ni­ka­ti­on und Wis­sen. Das liegt zum ei­nen si­cher­lich dar­an, dass hier ein sehr viel in­tui­ti­ve­res Ver­ständ­nis von Ver­mitt­lung ver­wen­det wird, hat aber an­de­rer­seits auch prak­ti­sche Grün­de: Die Kon­zep­te aus KA zie­len sehr stark auf Frei­heit und we­ni­ger auf Ko­or­di­na­ti­on ab, und füh­ren da­her un­wei­ger­lich zu der Fra­ge: Wenn al­le bei­tra­gen kön­nen, wo­zu sie wol­len, und al­le über al­les ver­fü­gen kön­nen, wer ga­ran­tiert dann, dass die Din­ge, die ge­braucht wer­den, auch pro­du­ziert wer­den, und dass sie nicht vor­her schon je­mand an­ders weg­ge­nom­men hat? Da­her wird hier die Idee ei­ner in­tel­li­gen­te­ren, be­wuss­te­ren, form­ba­re­ren Ver­mitt­lung ver­tre­ten. Sie ist nicht auf die Hoff­nung an­ge­wie­sen, aus den Um­stän­den wer­de sich das Wei­te­re schon er­ge­ben. Der As­pekt des ex­pli­zi­ten Wis­sens über die Be­dürf­nis­se bzw. der Mög­lich­keit des ge­fahr­lo­sen Wis­sen-Las­sens, das über blo­ße Stig­mer­gie hin­aus­geht und kon­kre­tes emo­tio­na­les Ver­ständ­nis er­zeugt, ist zen­tra­ler Be­stand­teil un­se­rer In­klu-Theo­rie.

Literatur

KA: Sutterlütti, S.; Meretz, S. (2018). Kapitalismus aufheben: Eine Einla­dung, über Utopie und Trans­formation neu nachzu­denken. VSA, Hamburg. Verfügbar über commonism.us.


Bärmann, B. (2013). Ein Universelles Stigmergisches Allokationsystem.
Beitrag auf keimform.de.

Freeman, J. (1972). The tyranny of structurelessness. Berkeley journal of sociology, 151-164.
Online auf jofreeman.com.

Klick, J. (2020): Dis­kus­sions­stand der Buch­projekt­gruppe zur commo­nis­ti­schen Trans­for­ma­tion.
Bei­trag auf keim­form.de.

Lutosch, H. (2021): „Wenn das Baby schreit, dann möch­te man doch hin­gehen“ – Ein femi­nisti­scher Blick auf Ar­beit, Frei­willig­keit und Be­dürf­nis in aktu­ellen lin­ken Uto­pie­ent­würfen. Kantine-Festi­val Chem­nitz, August. Manuscript.
Online auf commonaut.de.

Schlemm, A. (2018): Eingebettete Allgemeinheit. In: Über Utopie und Transformation neu nachdenken (Kritik an KA).
Online auf philosophenstuebchen.wordpress.com.

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