7. Besitz statt Eigentum

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Es müsste doch möglich sein, irgendwie Kritik zu üben, dass zwar nun das Konzept von Reichtum an sich zerstört war und niemand Probleme hatte, Wohnraum zu finden und dort ohne Komplikationen einzuziehen, dass aber immer noch Besitzdenken Norm war. Dabei sprach nichts dagegen, wenn Leute keine Fremden in ihr Haus lassen wollten, oder eben von jenem als ihr Haus dachten, aber vorauszusetzen, dass da alle ähnlich gepolt waren, sodass Leute es schon als aufdringlich empfanden, wenn sie gefragt wurden, ob jemand in ihrem Garten zelten oder in ihrem Wohnzimmer schlafen durfte, setzte ein Norm, das Windschwingen immer in das Position drängte, zu erklären. Jurin verstand das Gedanken, ein Haus zu besitzen, überhaupt nicht. As freute sich darauf, am Abend des Folgetages das Windschwingenhaus auf dem Kreidefelshang hinter Geesthaven zu erreichen, in jenem ein Zimmer zu beziehen, wenn eines frei wäre, und für ein paar Wochen, vielleicht knapp zwei Monate dort zu Hause zu sein. Wie es Personen für viel länger an einem Ort halten konnte, konnte Jurin sich nicht vorstellen. Sicher, manche Windschwingen kehrten immer wieder an das selbe Ort zurück. Manchmal sogar in das selbe Zimmer. Aber wenn gerade ein anderes Person dort wohnte, dann war das eben auch schön. Das gab dem Raum ein neues Charakter, ein neues Bedeutung, ein Bereicherung. Und es verwurzelte nicht unangenehm. Veränderung war natürlich. Das Denken dahinter, ein Raum zu besitzen, fühlte sich für Jurin seltsam an. Und doch war es eben default.


skalabyrinth: Windschwinge


Besitz und Eigentum wird, wie im vorangestellten Zitat, oft relativ synonym verstanden (wenn auch nicht exakt synonym, vgl. Besitz statt Eigentum vs. Nutzen statt Besitz in EC 12). Um aber das Eigentum überwinden zu können, braucht es ein sinnvolles Alternativkonzept. Daher soll hier ein positives Verständnis des Begriffs Besitz verwendet werden, dass sich gerade vom Eigentumsdenken abgrenzt.

Ausgangspunkt der Überlegungen stellt die Definition von Besitz und Eigentum im BGB dar: Eigentum ist das Recht, mit [einer] Sache nach Belieben [zu] verfahren und andere von jeder Einwirkung aus[zu]schließen (§903 BGB). Hingegen bezeichnet Besitz die tatsächliche[] Gewalt über die Sache (§854 BGB).

Im Gegensatz zu Besitz charakterisiert sich [Eigentum also] durch den
Ausschluss anderer unabhängig von dem eigenen Gebrauch
(EC 11).

Eigentum gehört [damit] zu den ersten Rechtsformen, die Exklusion strukturell verankerten. Eigentum ist ein Verhältnis zwischen Menschen, bei der die einen andere von der Verfügung über Sachen ausschließen können. Da dieser Ausschluss auch gegen den Willen von Betroffenen durchgesetzt werden muss, ist Eigentum immer mit Gewalt verbunden. (KA 141)

Hingegen sagen wir, dass ihr* eine Ressource besitzt, wenn ihr* diese zu dem Zeitpunkt tatsächlich benutzt. Besitz ist all das, was wir brauchen und gebrauchen.
Der Eigentumsgedanke erlaubt jedoch, andere von etwas auszuschließen, ohne es selbst zu nutzen
(AT 11). Der Übergang von der Allokation durch Eigentum zur Allokation durch Besitzt bedeutet, eine Ressource nicht mehr als meins* anzusehen, weil sie rechtlich so deklariert wurde, sondern (nur) solche Ressourcen meine* zu nennen, die ich* tatsächlich benutze.

Ob die Allokation von Ressourcen auf Basis von Besitz oder auf Basis von Eigentum geschieht, hat weitreichende Konsequenzen, denn ›Besitz statt Eigentum‹ verunmöglicht, dass (zumeist: wenige) Menschen andere (zumeist: viele) Menschen vom Gebrauch von Ressourcen ausschließen, nur weil diese ihr ›Eigentum‹ sind. (EC 11) Besitz statt Eigentum heißt [also], dass Häuser nicht leerstehen, Transportmittel nicht rumstehen, auch nicht nahezu leer fahren, Werkzeug nicht jahrelang ungenutzt herumliegt, Essen nicht im Müll landet usw. (AT 149)

Besitzrechte sind eben das: das Recht, etwas zu besitzen. Wenn kein Eigentum existiert (auch kein Gemeinschaftseigentum), kann Besitzrecht auch nicht durch Eigentumsrecht gebrochen werden. Trotzdem kann sich jede Gesellschaft darauf einigen, unter welchen Bedingungen etwas ›als aus dem Besitz gefallen‹ angesehen wird: Eine Wohnung, die langfristig leer steht zum Beispiel. Und in den allermeisten historisch existierenden Gesellschaften sind Commons mit dem Existenzrecht aller verbunden gewesen: Wenn das Überleben eines Menschen durch bestehende Besitzrechte anderer gefährdet war, wurden diese gebrochen, denn es galt als selbstverständlich entscheidender, Leben zu schützen. (EC 12)

Dass der Besitz und nicht das Eigentum das Wesentliche materiellen Wertes darstellt, ist eine fundamentale Erkenntnis, die die Grundlage dafür bildet, dass wir die Vortellung eines Systems mit Gewinnenden oder Privilegierten überwinden und den Systemwechsel zum gemeinsamen Interesse aller Menschen machen können. Es zählt [für den Wohlstand nämlich] nicht das Ausschließungs- oder Veräußerungsrecht, sondern wer etwas tatsächlich braucht und gebraucht – hier sind sukzessive (nacheinander), alternierende (abwechselnde) und parallele (gemeinschaftliche) Nutzungsformen möglich. (EC 46) Wenn wir* erkennen, dass der einzige Wert, den materielle Güter an sich überhaupt mit sich bringen, durch deren Besitz begründet wird, und dass die Menge an Gütern, die ein Mensch besitzen kann, im Vergleich zum Eigentum äußerst beschränkt ist, dann müssen wir* einsehen, dass das Eigentum seinen Wert größtenteils nicht durch die Güter an sich entfaltet, sondern allein durch das Recht, andere davon auszuschließen.

In der Inklu-Philosophie gelangen wir zu der Erkenntnis, [w]er ganz allein in einem Haus mit Meerblick leben möchte, für den sei schon fast das Exkludieren selbst das Bedürfnis. Und ein solches Bedürfnis sei in einer Gesellschaft, wie sie von [Sutterlütti und Meretz] skizziert wird, (in der das Einbeziehen der Bedürfnisse anderer systematisch nahegelegt ist) letztendlich dysfunktional. Alle trotzdem auftretenden Bedürfniskonflikte seien eine Chance, die eigenen Bedürfnisse zu be- und hinterfragen. (Lutosch 2021)

Das Exklusionsrecht hat nämlich wiederum nur unter der Annahme einen Wert, dass die anderen einem exklusionslogischen Denken unterliegen, also als Konkurrierende angesehen werden müssen. Daher ist der einzige Preis, den das Exklu-System seinen Gewinnern bietet, der Schutz vor genau dem Übel, welches es überhaupt erst erschaffen hat. Und so ist es nicht erst seit dem Kapitalismus, sondern dieses Prinzip gilt von Anbeginn des Exklu-Systems, also seit der neo­­lithi­schen Revolu­tion, wo [d]ie Ein­gren­zung der Gärten durch Mauern [sicher­stell­te], dass nie­mand den Adel in seinem Privi­leg störte, das einst Selbst­ver­ständ­liche zu ge­nie­ßen: das Herum­schweifen in viel­fälti­gen Poly­kultur­gärten. (Hurtig 2020, 74)

Wie kann nun eine Transformation zur Aufhebung des Eigentums vonstatten gehen, durch welche wir* alle in unserem* Besitz bereichert und nicht gefährdet werden?

Hierfür gilt es, die wesentliche Frage zu beantworten, wie wir* Menschen dazu bewegen können, ihre Ressourcen freizugeben, sobald sie sie nicht mehr benutzen, und wie wir* sicherstellen können, dass sie sie zurückbekommen werden, wenn sie sie wieder benötigen.

Natürlich wird die Antwort auf die zweite Frage vermutlich der wichtigste Bestandteil einer Antwort auf die erste Frage sein. Umgekehrt beantwortet die erste aber auch die zweite Frage, denn die Rückgabe erfolgt natürlich weitgehend aus ähnlichen Gründen, aus denen die Ressource ursprünglich abgegeben wurde. Es kommt in beiden Fällen darauf an, auf ein Wiederbekommen der Ressource vertrauen zu können: Die Austauschbeziehung des Besitzes ist eine Vertrauensbeziehung; sie muss daher mit möglichst viel Inklu(-Potenzial) gestaltet werden, um eine starke Vertrauensbasis aufzubauen. Ob ich* willens bin, eine Ressource mit euch* zu teilen, hängt schließlich von folgenden Umständen ab:

  • Weiß ich*, dass ihr die Ressource benötigt? Bin ich* in die Aktivitäten, für die ihr* die Ressource benötigt, eingebunden? Ist es inklusionslogisch naheliegend, dass die Erfüllung eurer* Wünsche mittels der Ressource ein integraler Bestandteil der Erfüllung meiner* eigenen ist?
  • Wie werdet ihr* mit der Ressource umgehen? Kann ich* wissen, dass ihr Zustand erhalten bleiben wird, wenn ich* sie zurückbekomme? Werdet ihr* den Zustand vielleicht sogar verbessern?
  • Wie kann die Ressource dazu beitragen, zwischen uns* eine Verbindung aufzubauen, die über den materiellen Nutzen der Ressource hinausgeht? Die Tatsache, dass wir* dieselbe Ressource nutzen, und die Art wie wir* sie nutzen, sagt etwas über unser Leben aus, eventuell sogar viel. Diese Tatsache lässt vermuten, dass wir* gemeinsame Interessen haben. Können wir* auf dieser Grundlage eine Verbindung aufbauen, die über das Offensichtliche hinausreicht? Können wir* voneinander lernen, was wir* mit der Ressource tun können, und können wir* diese Erfahrung ausweiten um voneinander weitreichendere Dinge über das Leben zu lernen?
  • Wenn sich zwischen uns* ein gemeinsames Verständnis entwickelt, wozu wir* die Ressource nutzen, dann können wir* uns* gegenseitig Ideen liefern, wie wir* die zugrundeliegenden Interessen auch anders angehen könnten, wo wir* eine noch geeignetere Ressource finden können, und was wir* tun können, wenn die Ressource einmal nicht mehr verfügbar ist.

Die zweite Frage lässt sich zunächst einmal genauso beantworten wie die erste: Ihr* solltet mir* die Ressource aus denselben Gründen zurückgeben wollen, aus denen ich* sie euch* erstmals zur Verfügung gestellt habe. Aber natürlich kommt hier noch dazu, dass ihr* mir* die Ressource zum richtigen Zeitpunkt zurückgebt; wenn die oben genannten Bedingungen, die den Ressourcenaustausch zwischen uns attraktiv machen aber gegeben sind, sollte das aber kein Problem sein, da ihr* dann wisst, was die Ressource für mich* bedeutet und warum sie mir* nur zum richtigen Zeitpunkt nützlich ist.

Literatur

AT: Habermann, F. (2018). Ausgetauscht! Warum ein gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus.

EC: Habermann, F. (2016). Ecommony: UmCare zum Miteinander. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus.
Verfügbar über keimform.de.

KA: Sutterlütti, S.; Meretz, S. (2018). Kapitalismus aufheben: Eine Einla­dung, über Utopie und Trans­formation neu nachzu­denken. VSA, Hamburg. Verfügbar über commonism.us.


Lutosch, H. (2021): „Wenn das Baby schreit, dann möch­te man doch hin­gehen“ – Ein femi­nisti­scher Blick auf Ar­beit, Frei­willig­keit und Be­dürf­nis in aktu­ellen lin­ken Uto­pie­ent­würfen. Kantine-Festi­val Chem­nitz, August. Manuscript.
Online auf commonaut.de.

Hurtig, F. (2020). Paradise Lost: Vom Ende der Viel­falt und dem Sieges­zug der Mono­kultur. Oekom, München.

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