9. Freiheit und Macht

Frei­heit und Macht – zwei Be­grif­fe, die of­fen­bar eng zu­sam­men­hän­gen, wo­bei ei­ner stark po­si­tiv, der an­de­re stark ne­ga­tiv kon­no­tiert ist. Aber gibt es tat­säch­lich ei­nen Un­ter­schied? Kann es ei­ne (gu­te) Frei­heit oh­ne (schlech­te) Macht ge­ben? Und ist die Un­ter­schei­dung über­haupt sinn­voll, oder soll­te sie lie­ber zu­guns­ten ei­ner Un­ter­schei­dung zwi­schen in­klu­si­ons– und ex­klu­si­ons­lo­gi­cher Be­trach­tungs­wei­se auf­ge­ge­ben wer­den?

Tat­säch­lich lässt sich zwi­schen Frei­heit und Macht kei­ne ein­deu­ti­ge, und bei ge­naue­rem Hin­se­hen über­haupt kei­ne Gren­ze zie­hen, und das gilt un­ab­hän­gig da­von, ob wir die Begriffe in einem in­klu­si­ons- oder ex­klu­si­ons­lo­gi­schen Sinne benutzen. Um das zu ver­ste­hen, müs­sen wir uns auf ein de­fi­ni­to­ri­sches Ver­ständ­nis von Frei­heit und Macht fest­le­gen. Macht zu de­fi­nie­ren, ist nicht schwer: Macht ist die Fä­hig­keit, Men­schen und Si­tua­tio­nen zu be­ein­flus­sen (Stüt­zel 2024, 16). Oder et­was aus­führ­li­cher:

Macht ist in ers­ter Li­nie ein­fach nur dies: Kön­nen, die Fä­hig­keit zum Tun, in der La­ge sein, Din­ge zu tun. Tun im­pli­ziert Macht, Macht-zu-tun. In die­sem Sin­ne be­zeich­nen wir mit dem Wort Macht üb­li­cher­wei­se et­was Po­si­ti­ves: Ich füh­le mich mäch­tig, ich füh­le mich gut. … Die Frau­en­be­we­gung hat Frau­en ein stär­ke­res Ge­fühl ih­rer ei­ge­nen Macht ver­lie­hen. Macht in die­sem Sin­ne kön­nen wir als Macht-Zu, als Macht-zu-tun be­zeich­nen.[1] (Holloway 2005 , 28)

Hier­bei kön­nen wir Macht-Zu als das über­ge­ord­ne­te Kon­zept ver­ste­hen, zu wel­chem Macht-Über (das übliche Machtverständnis) und Macht-Mit spe­zi­el­le­re Aus­prä­gungs­for­men dar­stel­len:

Macht-Mit ist ge­teil­te Macht, die aus Zu­sam­men­ar­beit und Be­zie­hun­gen wächst. Sie ba­siert auf Re­spekt, ge­gen­sei­ti­ger Un­ter­stüt­zung, … So­li­da­ri­tät, Ein­fluss, ge­gen­sei­ti­ger Er­mäch­ti­gung und kol­la­bo­ra­ti­ver Ent­schei­dungs­fin­dung. Macht-Mit ist ver­bun­den mit so­zia­ler Macht, dem Ein­fluss, den wir un­ter Gleich­ge­stell­ten aus­üben. Macht-Mit kann hel­fen, Brü­cken in­ner­halb von Grup­pen (z.B. Fa­mi­li­en, Or­ga­ni­sa­tio­nen, Be­we­gun­gen für so­zia­len Wan­del) oder über Un­ter­schie­de hin­weg (z.B. Gen­der, Kul­tur, Klas­se) zu bau­en. An­statt zu Do­mi­nanz und Kon­trol­le führt Macht-Mit zu ge­mein­schaft­li­chem Han­deln und der Fä­hig­keit, als Grup­pe ak­tiv zu wer­den. (Stuart 2019, zit. in Stüt­zel 2024, 20)

Diese Unterscheidung ent­spricht offen­sicht­lich genau der zwi­schen einer inklu­sions­lo­gischen (Inklu-Macht = Macht-Mit) und einer exklu­sions­lo­gischen (Exklu-Macht = Macht-Über) Aus­prä­gung von Macht. Die Vor­stel­lung von Macht als Exklu-Macht ist je­doch im All­ge­meinen deut­lich weiter ver­brei­tet:

Den ei­ge­nen Wil­len auch ge­gen Wi­der­stre­ben durch­zu­set­zen ist ei­ne De­fi­ni­ti­on, die aus Jahr­tau­sen­de al­ter Tra­di­ti­on kommt, dass Macht dem ei­ge­nen Wil­len die­nen soll, und be­wusst auch ge­gen das Wi­der­stre­ben an­de­rer durch­setz­bar ist. So wird Macht häu­fig ver­stan­den[.] (Stüt­zel 2024, 16f)

Macht-Über für sich ge­nom­men ist aber eine sehr ein­ge­schränk­te Macht, es ist ei­ne schein­­ba­re Macht, die man er­ringt, weil es dar­an nichts zu ge­stal­ten gibt. Man bil­det sich ein, im Ver­bund mit die­ser Ten­denz end­lich wirk­lich ein­grei­fen und ver­än­dern zu kön­nen; un­term Strich un­ter­schreibt man ein­fach. (Spehr 2003, 26) Macht im Ka­­pi­­ta­­lis­­mus ist Exklu-Macht, also Macht-Über, und sie ma­ni­­fes­­tiert sich durch Ei­gen­tum. Es geht um die Macht, an­de­re von der Teil­ha­be an Din­gen aus­schlie­ßen zu kön­nen, um die Macht, zu ver­wei­gern was zum Leben gebraucht wird, und in der voll­kom­mens­ten Aus­prä­gung um die Macht, an­de­re Le­ben zu be­en­den. Es herrscht die all­ge­mei­ne Auf­fas­sung, bei der Macht, das Le­ben von (vie­len) Men­schen ge­zielt be­en­den zu kön­nen, han­de­le es sich um ab­so­lu­te Macht; schließ­lich lie­ße sich da­mit ja auch al­les an­de­re er­zwin­gen. Ein grundlegender Irrtum, denn Macht über die Zer­stö­rung des Le­bens kann auch letzt­lich nichts an­de­res als die Zer­stö­rung des Le­bens brin­gen.

[D]er Le­ni­nis­ti­sche Apho­ris­mus [Glau­bens­satz], dass Macht ei­ne Fra­ge von wer-wem sei, ist ab­so­lut falsch, ge­nau­so wie das Mao­is­ti­sche Sprich­wort, dass Macht aus dem Lauf ei­ner Waf­fe kommt: Macht-Über kommt viel­leicht aus dem Lauf ei­ner Waf­fe, aber nicht Macht-Zu. Der Kampf zur Be­frei­ung der Macht-Zu ist kein Kampf zur Her­stel­lung ei­ner Ge­gen­macht, son­dern ei­ne An­ti-Macht, et­was ra­di­kal an­de­res als Macht-Über. … An­ti-Macht ist al­so kei­ne Ge­gen­macht, son­dern et­was viel Ra­di­ka­le­res: Es ist die Auf­he­bung von Macht-Über, die Eman­zi­pa­ti­on der Macht-Zu. Dies ist die gro­ße, ab­sur­de, un­aus­weich­li­che Her­aus­for­de­rung des kom­mu­nis­ti­schen Traums: Ei­ne Ge­sell­schaft frei von Macht­ver­hält­nis­sen durch Auf­he­bung der Macht-Über zu er­schaf­fen. Die­ses Pro­jekt ist viel ra­di­ka­ler als je­des Re­vo­lu­ti­ons­ver­ständ­nis, das auf der Er­obe­rung von Macht auf­baut, zu­gleich aber auch weit­aus rea­li­sit­scher.[2] (Holloway 2005, 36f)

Sut­ter­lüt­ti und Me­retz verwenden wiederum eine andere Ter­mi­no­lo­gie: Für sie ist Macht ein grund­sätz­lich po­si­ti­ver Be­griff (Hand­lungsmacht im Sin­ne von Macht-Zu oder Macht-Mit), dem sie die Herr­schaft (i.S.v. Macht-Über) ent­ge­gen­setzen:

Macht un­ter­schei­det sich von Herr­schaft. Men­schen kön­nen ge­mein­sam die Macht ha­ben, neue Ide­en zu ent­wi­ckeln oder ein Haus zu bau­en. Hand­lungs­macht be­inhal­tet nicht not­wen­dig Herr­schaft. Herr­schaft ist ge­ron­ne­ne Macht, es ist die Fä­hig­keit, über an­de­re Men­schen zu ver­fü­gen. Wenn Macht Ver­fü­gungs­macht über Men­schen meint, geht es um Herr­schaft. Der Staat ist da­her nicht nur ei­ne Macht­in­sti­tu­ti­on – die Be­stim­mung wä­re ei­ne Be­schö­ni­gung –, son­dern ei­ne Herr­schafts­in­sti­tu­ti­on: Er hat Macht über Men­schen, in­dem er über ih­re Le­bens­be­din­gun­gen ver­fü­gen kann. Po­li­tisch-staat­li­che Trans­for­ma­ti­ons­theo­ri­en zie­len auf Macht im Staat ab, um die­se zwecks Durch­set­zung all­ge­mei­ner Zie­le über Men­schen aus­zu­üben. Das aber ist Herr­schaft. (KA 54)

Die­ses Macht-Ver­ständ­nis ent­spricht al­so viel­mehr ei­ner In­klu-Macht i.S.v. Ge­stal­tungs­kraft (Stüt­zel 2024, 10). Es ist die Macht, an­de­re Men­schen (und sich selbst) glück­lich zu ma­chen und Be­dürf­nis­se in Ver­bin­dung zu ver­wirk­li­chen. So­bald wir* uns* an den Ge­dan­ken ge­wöhnt ha­ben, dass sich alle in ei­ner In­klu-Ge­sell­schaft in ei­ner bes­se­ren Po­si­ti­on be­fin­den als selbst die pri­vi­le­gier­tes­ten Men­schen in der Ex­klu, dann liegt auch die Er­kennt­nis na­he, dass In­klu je­der*m ein­zel­nen mehr Macht ver­leiht als al­les Geld und je­der Ti­tel des Ex­klu-Sys­tems ir­gend­wem je­mals bie­ten könn­ten.

Das Pro­blem ist nicht, wie wir Men­schen kon­trol­lie­ren kön­nen, son­dern wie wir zu­sam­men ei­ne Si­tua­ti­on kon­trol­lie­ren kön­nen. (Mary Parker Follet, zit. in Stüt­zel 2024, 20)

Dem All­tags­ver­ständ­nis von Macht als bloße Macht-Über soll daher auch hier nicht ge­folgt wer­den, son­dern wir wollen unter dem Macht-Begriff das gan­ze Spek­trum an Macht-Zu, Macht-Über und Macht-Mit fas­sen. Auch den Frei­heits­be­griff werden wir in Kür­ze näher be­leuch­ten; fürs erste ge­nügt es aber, Frei­heit mit Macht-Zu zu iden­ti­fi­zieren.

Unter dieser Sichtweise müs­sen wir nun fest­stel­len, dass Frei­heit und Macht nicht mehr von­ein­ander zu tren­nen sind. Denn eine reine Macht-Zu ohne Macht-Über oder Macht-Mit kann es nicht geben; in der re­a­len Welt gibt es kei­­ne Macht, die nur mich* be­­trifft:

Es ist noch­mals zu be­to­nen, dass Macht-Zu im­mer so­zia­le Macht ist, selbst wenn es nicht so schei­nen mag. … Un­ser Han­deln ist stets Teil ei­nes so­zia­len Hand­lungs­flus­ses, selbst wenn es uns als in­di­vi­du­el­ler Akt er­scheint. Un­ser Hand­lungs­ver­mö­gen ist stets ei­ne Ver­flech­tung un­se­res Han­delns mit den ver­gan­ge­nen oder ge­gen­wär­ti­gen Hand­lun­gen an­de­rer.

Macht-Zu ist daher niemals etwas Individuelles, sondern immer etwas Soziales. Es exis­tiert nicht in ei­nem rei­nen, un­be­fleck­ten Zu­stand, da sei­ne Exis­tenz stets Teil der Kon­sti­tu­ti­on der So­zia­li­tät ist, der Art und Wei­se wie un­ser Tun or­ga­ni­siert ist. Han­deln (und Hand­lungs­macht) ist stets Teil des so­zia­len Flus­ses, aber die­ser Fluss stellt sich auf un­ter­schied­li­che Wei­se dar.[3] (Holloway 2005, 28)

Ähn­li­ches hal­ten Me­retz und Sut­ter­lüt­ti zum Be­griff der Frei­heit fest:

Die mensch­li­che Frei­heit ist ei­ne ge­sell­schaft­li­che Frei­heit. Da­mit ist sie im­mer auf die Frei­heit an­de­rer be­zo­gen und fris­tet kein iso­lier­tes Da­sein ne­ben den Frei­hei­ten an­de­rer. Herr­schafts­lo­sig­keit ist ei­ne schö­ne Idee, doch sie bleibt un­ge­nü­gend, wenn ihr Kon­zept so tut, als gä­be es ei­nen neu­tra­len Be­zug zwi­schen Men­schen. Der Be­zug der ge­sell­schaft­li­chen Frei­heit(en) kann ex­klu­siv sein – dann kann ich mei­ne Be­dürf­nis­se am bes­ten auf Kos­ten an­de­rer be­frie­di­gen. Oder in­klu­siv – dann ist mei­ne Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ma­xi­mal, wenn sie die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung an­de­rer ein­be­zieht. So­mit ist die ne­ga­ti­ve Be­stim­mung der Herr­schafts­lo­sig­keit erst in der po­si­ti­ven Be­stim­mung all­ge­mei­ner In­klu­si­on voll ver­wirk­licht. Auf­grund der ge­sell­schaft­li­chen Ab­hän­gig­keit der Frei­heit kön­nen wir Herr­schafts­lo­sig­keit nur durch In­klu­si­on ver­wirk­li­chen, und zwar ei­ne In­klu­si­on, die für al­le gilt. Un­se­re The­se ist: Ich bin nur frei, wenn mei­ne Frei­heit auf der Frei­heit der an­de­ren auf­baut. All­ge­mei­ne Frei­heit ver­weist auf all­ge­mei­ne In­klu­si­on und um­ge­kehrt.

In un­se­rem All­tag hat sich hin­ge­gen ein an­de­rer Satz tief ein­ge­gra­ben: Die Frei­heit des Ein­zel­nen en­det dort, wo die Frei­heit des An­de­ren be­ginnt. (Im­ma­nu­el Kant zu­ge­schrie­ben) Er be­ruht auf der An­nah­me, dass sich Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ge­gen­sei­tig ein­schrän­ken, al­so ex­klu­siv sind. Und er hat ei­ne ge­sell­schaft­li­che Wahr­heit. Es ist der iso­lier­te Frei­heits­be­griff des Ka­pi­ta­lis­mus: Die Frei­heit der an­de­ren ist ei­ne Ge­fahr für mei­ne Frei­heit. Frei­heit drückt sich im Han­deln aus, und der we­sent­li­che Zweck des Han­delns ist die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. So­mit sind die Be­dürf­nis­se an­de­rer Men­schen, mehr noch: die an­de­ren Men­schen selbst, ei­ne Ge­fahr für mich, da sie mei­ne Be­dürf­nis­se und ih­re Be­frie­di­gung ein­schrän­ken. Um­ge­kehrt wird bei be­grenz­ten Res­sour­cen mei­ne Frei­heit nur dann grö­ßer, wenn die Frei­heit der an­de­ren ge­rin­ger wird. Die­se Frei­heit ist ei­ne Frei­heit un­ter Ex­klu­si­ons­be­din­gun­gen, ei­ne Ex­klu­si­ons­frei­heit. Der Neo­li­be­ra­lis­mus kann als ra­di­ka­li­sier­te Ideo­lo­gie der Ex­klu­si­ons­frei­heit be­schrie­ben wer­den. Hier be­darf es der Mo­ral und der staat­li­chen In­ter­ven­ti­on, um die Men­schen da­von ab­zu­hal­ten, ih­re Frei­heit und ih­re Be­dürf­nis­be­frie­di­gung über­mä­ßig auf Kos­ten an­de­rer zu er­wei­tern. Doch ei­ne an­de­re Frei­heit ist mög­lich: in ei­ner Ge­sell­schaft, in der mei­ne Frei­heit und die Frei­heit der an­de­ren po­si­tiv auf­ein­an­der be­zo­gen ist, in ei­ner Ge­sell­schaft der In­klu­si­ons­frei­heit.

In ei­ner Ge­sell­schaft, in der es sub­jek­tiv sinn­voll ist, die Be­dürf­nis­se der an­de­ren ein­zu­be­zie­hen, ist auch die Frei­heit der an­de­ren für mich grund­sätz­lich kei­ne Ge­fahr. Wenn an­de­re ih­re Be­dürf­nis­se am bes­ten be­frie­di­gen kön­nen, wenn sie mei­ne Be­dürf­nis­se ein­be­zie­hen, muss ich vor ih­ren Hand­lun­gen, vor ih­ren Be­dürf­nis­sen, vor ih­ren Frei­hei­ten und schluss­end­lich vor ih­nen als Men­schen kei­ne Angst ha­ben. Im Ge­gen­teil, mei­ne Be­frie­di­gungs­mög­lich­kei­ten und mei­ne Frei­heit neh­men zu, wenn die an­de­ren ih­re Frei­heit aus­wei­ten. Erst hier kommt die Frei­heit als In­klu­si­ons­frei­heit, oder was das Glei­che ist, als all­ge­mei­ne Frei­heit zu sich. Ei­ne sol­che In­klu­si­ons­ge­sell­schaft rea­li­siert die Frei­heit der Ein­zel­nen, in­dem sie die Frei­heit al­ler rea­li­siert. Sie ist ei­ne As­so­zia­ti­on wor­in die freie Ent­wick­lung ei­nes je­den die Be­din­gung für die freie Ent­wick­lung al­ler ist (Marx/En­gels 1848). (KA 155ff)

Also kann es zwi­­schen Macht und Frei­­heit grund­­sätz­­lich kei­nen qua­li­ta­ti­ven Un­ter­schied ge­ben, und zwar we­der un­ter Ex­klu- noch un­ter In­klu-Be­din­gun­gen: Denn Frei­heit (Macht-Zu) muss sich im­mer in Form von Macht-Über und Macht-Mit ma­ni­fes­tie­ren. Macht un­ter Ex­klu-Be­din­gun­gen (Ex­klu-Macht) ist aber ge­ra­de Macht-Über, und In­klu-Macht ist Macht-Mit. Glei­cher­ma­ßen muss sich Frei­heit in der Ex­klu als Macht-Über ma­ni­fes­tie­ren und in der In­klu als Macht-Mit. Der Un­ter­schied ist al­so (nur), ob In­klu- oder Ex­klu-Be­din­gun­gen vor­lie­gen, in bei­den Fäl­len lau­fen die Be­grif­fe Macht und Frei­heit dann aber je­weils auf das­sel­be hin­aus.

Wenn wir* den­noch zwi­schen Frei­heit und Macht dif­fe­ren­zie­ren, dann kann der Un­ter­schied in der Ex­klu al­len­falls ein quan­ti­ta­ti­ver sein: Un­se­re* Frei­heit be­steht dort in un­se­rer* Macht, an­de­re aus­zu­schlie­ßen. Wenn wir* Geld ha­ben – und das ist im Ka­pi­ta­lis­mus Vor­aus­set­zung für Frei­heit – dann ha­ben wir* Macht-Zu, in ge­wis­ser Hin­sicht aber auch Macht-Über an­de­re, in dem Sin­ne, dass sie fak­tisch für uns* re*pro­du­zie­ren. Da­mit wir (im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch) von Macht spre­chen wür­den, muss die­se Macht-Über (le­dig­lich) ein be­son­ders star­kes Aus­maß an­neh­men, näm­lich dass je­mand sehr kon­kre­te An­wei­sun­gen ge­ben, kon­kret Men­schen ma­ni­pu­lie­ren, Be­feh­le er­tei­len kann, und noch da­zu mög­lichst ge­gen­über vie­len Men­schen.

Ex­klu-Macht ist al­so das­sel­be wie Ex­klu-Frei­heit, nur dass sie noch wei­ter geht, al­so nicht da en­det, wo die Frei­heit an­de­rer an­fängt, bzw. eben mit ei­ner ent­spre­chend ge­rin­ge­ren Frei­heit an­de­rer Men­schen ein­her­geht.

In der In­klu hin­ge­gen gibt es kei­ne Macht-Über, denn die Art von Hand­lun­gen, zu de­nen die­se be­mäch­tigt, ma­chen von ei­nem In­klu-Ver­ständ­nis her über­haupt kei­nen Sinn. Der Un­ter­schied zwi­schen Frei­heit und Macht wird dann gänz­lich* ver­schwin­den, denn Frei­heit ist nun ein­mal Hand­lungs­fä­hig­keit, ist die Mög­lich­keit zur Er­fül­lung (pro­duk­ti­ver) Be­dürf­nis­se, und die­se exis­tie­ren nur in Ver­bun­den­heit und kön­nen nur in Ver­bun­den­heit, al­so durch Aus­übung von Macht-Mit, in ih­rer vol­len Qua­li­tät be­frie­digt wer­den.

Je­de mensch­li­che Tä­tig­keit be­ruht auf der Kol­lek­ti­vi­tät und His­to­ri­zi­tät von Ar­beit und Na­tur. Was im­mer wir tun, wir nut­zen da­bei die Ar­beit und Na­tur an­de­rer. Wenn Frei­heit be­deu­ten soll­te, dass wir das mög­lichst un­ge­hemmt und oh­ne Be­schrän­kun­gen tun soll­ten, dann wä­re Frei­heit im­mer nur auf Kos­ten der Un­frei­heit an­de­rer mög­lich. Ei­ne Frei­heit aber, de­ren Gren­zen von ei­ner über­ge­ord­ne­ten In­stanz er­kannt und ge­setzt wür­den, wä­re to­ta­le Un­frei­heit die­ser In­stanz ge­gen­über. (Spehr 2003, 43)

Nun be­darf aber auch der Be­griff der Frei­heit ei­ner ge­naue­ren Un­ter­su­chung und Dif­fe­ren­zie­rung. Dar­un­ter wer­den näm­lich gleich­zei­tig zwei ei­gent­lich doch sehr ver­schie­de­ne Din­ge ver­stan­den: Dem ra­tio­na­len Ver­ständ­nis nach geht es v.a. um Wahl­frei­heit, al­so dar­um, meh­re­re (mög­lichst vie­le) ver­schie­de­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen; dem emo­tio­na­len Ver­ständ­nis nach ist Frei­heit hin­ge­gen qua­si der In­be­griff für al­les Gu­te in der Welt (wes­halb wir die Uto­pie auch so ger­ne als freie oder be­frei­te Ge­sell­schaft be­zeichnen – denn von al­len Ei­gen­schaf­ten, die wir mit die­ser Welt as­so­zi­ie­ren, scheint das wohl die un­strit­tigs­te und re­le­van­tes­te zu sein).

Ein sol­ches dop­pel­tes Frei­heits­ver­ständ­nis fin­det sich auch bei Holz­kamp, wo Frei­heit zu­nächst mit Be­dürf­nis­be­frie­di­gung gleich­ge­setzt wird, gleich da­nach aber mit ei­ner Art Wahl­frei­heit (im Sin­ne der dop­pel­ten Mög­lich­keit, s. GdP 354, GL Kap. 11) iden­ti­fi­ziert wird:

Frei ist ein In­di­vi­du­um in dem Gra­de, wie es an der vor­sor­gen­den ge­sell­schaft­li­chen Ver­fü­gung über sei­ne Le­bens­be­din­gun­gen teil­hat, da­mit sei­ne Be­dürf­nis­se in mensch­li­cher Qua­li­tät be­frie­di­gen kann. Dies be­deu­tet, daß man von sub­jek­ti­ver Frei­heit nur so­weit re­den kann, wie das In­di­vi­du­um nicht nur un­ter je­weils be­ste­hen­den ge­sell­schaft­li­chen Le­bens­be­din­gun­gen hand­lungs­fä­hig ist, son­dern auch über die Hand­lungs­fä­hig­keits­be­din­gun­gen selbst ver­fügt, al­so die­se zur Über­win­dung dar­in ge­ge­be­ner Hand­lungs­ein­schri­in­kun­gen er­wei­tern kann: Nur auf die­se Wei­se ist ja die Hand­lungs­fä­hig­keit un­ter Be­din­gun­gen nicht durch die Un­ver­füg­bar­keit der Be­din­gun­gen selbst wie­der ein­ge­schränkt, letzt­lich zu­rück­ge­nom­men. (GdP 354)

Frei­heit ist in­di­vi­du­ell mit Mög­lich­kei­ten ver­bun­den. Die Kri­ti­sche Psy­cho­lo­gie ver­wen­det für die­se Mög­lich­kei­ten den Be­griff der Hand­lungs­fä­hig­keit. Wir sind hand­lungs­fä­hig, wenn wir Mög­lich­kei­ten ha­ben, un­se­re Be­dürf­nis­se ken­nen­zu­ler­nen, zu ent­fal­ten, zu be­frie­di­gen. Je mehr, des­to frei­er sind wir. (KA 155)

Ei­ne nai­ve Vor­stel­lung von Frei­heit als Reich­tum der Hand­lungs­mög­lich­kei­ten muss fehl­schla­gen. Denn wem die bes­te Mög­lich­keit zur Ver­fü­gung steht, nützt es nichts, al­ter­na­tiv auch die zweit­bes­te Op­ti­on wäh­len zu kön­nen: Im Ge­gen­teil: Wer ei­ne Wahl hat, ist gleich­zei­tig ge­zwun­gen zu wäh­len – wer frei ist, ist gleich­zei­tig un­frei, muss ei­nen ge­wis­sen Auf­wand be­trei­ben, um die Mög­lich­kei­ten ab­zu­schät­zen und ab­zu­wä­gen, und wird mög­li­cher­wei­se noch lan­ge nach der Wahl mit der Un­si­cher­heit le­ben müs­sen, nicht viel­leicht doch die fal­sche Wahl ge­trof­fen zu ha­ben.

Es be­steht al­so grund­sätz­lich Ei­nig­keit dar­über, dass Frei­heit je­den­falls nicht bloß die An­zahl der ver­füg­ba­ren Mög­lich­kei­ten um­fas­sen kann, son­dern auch de­ren Qua­li­tät be­rück­sich­ti­gen muss. Es wä­re da­her denk­bar, die Frei­heit an­hand der Qua­li­tät der bes­ten ver­füg­ba­ren Mög­lich­keit zu be­wer­ten. Dann aber wür­den wir in ein De­ter­mi­nus­mus­pro­blem ge­ra­ten: Muss nicht die bes­te ver­füg­ba­re Mög­lich­keit auch im­mer die tat­säch­lich ge­wähl­te Mög­lich­keit sein? Oder um­ge­kehrt: Zeigt nicht die Tat­sa­che, dass ei­ne Mög­lich­keit, nicht ge­wählt wur­de, ob­wohl sie ei­gent­lich bes­ser ge­we­sen wä­re, dass sie nicht – in ei­nem hin­rei­chen­den Sin­ne – ver­füg­bar war?

Wer kei­ne Wahl hat und die bes­te Op­ti­on wäh­len muss, ist fak­tisch bes­ser dran, und da­her nach vie­len All­tags­ver­ständ­nis­sen frei­er. Insgesamt be­fin­de ich* mich* in ei­ner um­so bes­se­ren Po­si­ti­on, nicht je mehr Mög­lich­kei­ten ich* ins­ge­samt ha­be, son­dern je mehr für mich nütz­li­che ich* im Ver­gleich zu für mich* schäd­li­chen ha­be.

[M]anch­mal ist we­ni­ger [eben] mehr, or­der, ge­nau­er ge­sagt, … manch­mal hat es sei­ne Vor­tei­le, nicht mehr son­dern we­ni­ger Mög­lich­kei­ten zu ha­ben.[4] (Elster 2000, 1)

So gibt Odys­seus, in­dem er sich an den Schiffs­mast fes­seln lässt, ober­fläch­lich be­trach­tet sei­ne kör­per­li­che Frei­heit ab. Er ge­winnt da­durch aber die geis­ti­ge Frei­heit, sich den Ge­sang der Si­re­nen un­be­scha­det an­hö­ren zu kön­nen. Je mehr äu­ße­re Zwän­ge dem Sub­jekt auf­er­legt wer­den, des­to we­ni­ger in­ne­re Zwän­ge muss es sich also selbst auf­er­le­gen.

Der Be­griff Ver­fü­gung über die Le­bens­be­din­gun­gen spie­gelt m.E. das emo­tio­na­le Frei­heits­ver­ständ­nis, al­so die Kon­zep­ti­on von Frei­heit als Er­fül­lung ganz gut wi­der: Ich* kann eben über die Din­ge so­weit ver­fü­gen, d.h. sie ste­hen mir* so­weit zur Ver­fü­gung, wie dies für die Er­fül­lung mei­ner* Be­dürf­nis­se sinn­voll ist; ob ich* da­bei ei­ne be­son­ders gro­ße Wahl ha­be, ist so­weit ne­ben­säch­lich.

Die gleich­set­zen­de As­so­zia­ti­on von Wahl­frei­heit mit dem Gu­ten re­flek­tiert letzt­lich bloß die Ideo­lo­gie der neo­li­be­ra­len De­mo­kra­tie, al­so die Vor­stel­lung, die Leu­te bräuch­ten bloß ei­ne Wahl zu ha­ben, und schon gin­ge es ih­nen gut.

Die Kopp­lung von Wahl­frei­heit und Le­bens­qua­li­tät ist aber ge­ra­de ein cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal der Ex­klu­si­ons­ge­sell­schaft: Nicht wäh­len zu kön­nen be­deu­tet, dass die an­de­ren über das ei­ge­ne Schick­sal ent­schei­den, und da die an­de­ren die ei­ge­nen Be­dürf­nis­se nicht ein­be­zie­hen, ist das schlecht. In ei­ner Ge­sell­schaft, in der nur für al­le ge­sorgt ist, in­dem je­de*r für sich selbst sorgt, ist eben Frei­heit die Grund­be­din­gung da­für, für sich selbst sor­gen zu kön­nen, und so­mit da­für, dass für mich* ge­sorgt ist.

Al­ler­dings: Un­ter ge­wis­sen Um­stän­den kann Er­fül­lung nicht oh­ne Wahl­frei­heit zu­stan­de kom­men, d.h. die Wahl­frei­heit ist die Er­fül­lung.

[E]s ist nütz­lich, klar zwi­schen dem Wohl­er­ge­hen­s­as­pekt [well-being as­pect] und dem Hand­lungs­as­pekt [agen­cy as­pect] ei­ner Per­son zu un­ter­schei­den.[5] (WAF 186)

Wäh­rend Wohl­er­ge­hens-Frei­heit die Frei­heit ist, et­was be­stimm­tes zu er­rei­chen, näm­lich Wohl­er­ge­hen, ist der Ge­dan­ke der Hand­lungs­frei­heit all­ge­mei­ner, da er nicht an ei­ne be­stimm­te Art von Ziel ge­bun­den ist. Hand­lungs­frei­heit ist die Frei­heit, zu er­rei­chen, was im­mer die Per­son als ver­ant­wort­li­che Hand­lungs­trä­ge­rin ent­schei­det, was er oder sie er­rei­chen soll­te.[6] (WAF 203f)

Obwohl der Hand­lungs- und Wohl­er­ge­hen­s­as­pekt bei­de wich­tig sind, sind sie dies doch aus recht un­ter­schied­li­chen Grün­den. Aus der ei­nen Per­spek­ti­ve wird ei­ne Per­son als han­delnd oder ent­schei­dend an­ge­se­hen, wäh­rend im an­de­ren Fall die­sel­be Per­son ei­ne Be­trof­fe­ne [be­ne­fi­ci­a­ry] ist, de­ren In­ter­es­sen und Vor­tei­le be­trach­tet wer­den müs­sen. Es ist un­mög­lich, die­se mehr­fa­che In­for­ma­ti­ons­ba­sis auf ei­ne ein­fa­che zu re­du­zie­ren, oh­ne da­bei et­was Wich­ti­ges zu ver­lie­ren.[7] (WAF 208)

Wenn es tat­säch­lich nur um die Wohl­er­gehens­frei­heit gin­ge, dann lie­ße sich in ei­ner abs­trakt-lo­gi­schen Denk­wei­se ar­gu­men­tie­ren, dass die Frei­heit tat­säch­lich ver­zicht­bar sei, da ja letzt­lich schon be­kannt ist, dass es nur um das Wohlergehen geht; Ent­schei­dun­gen sind durch die­ses fest­ge­setz­te Ziel ja schon in ge­wis­ser Wei­se de­ter­mi­niert, dem In­di­vi­du­um müss­te es nur recht sein, wenn die ent­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen dann von au­ßen ab­ge­nom­men wür­den. In der Theo­rie könn­ten wir* al­so nichts da­ge­gen ha­ben, wenn ein mäch­ti­ges Sys­tem uns* un­se­re* Frei­heit weg­nimmt, um für uns* sämt­li­che Ent­schei­dun­gen von au­ßen zu un­se­rem* Bes­ten zu tref­fen (auch wenn dies prak­tisch na­tür­lich nicht mög­lich ist).

Die ge­ni­une Not­wen­dig­keit der (Wahl-)Frei­heit er­gibt sich aber, wenn wir un­se­ren Blick­win­kel öff­nen und an­er­ken­nen, dass das Wohl­er­ge­hen des In­di­vi­du­ums als sol­ches gar nicht exis­tiert, son­dern nur als ei­ne Kol­lek­ti­on von Wohl­er­ge­hen in Ver­bin­dung.

In die­sem Lich­te ist auch Amartya Sens Bei­spiel zu in­ter­pre­tie­ren, in welchem er eine Situation, in der ihr* ei­nen Men­schen vor dem Er­trin­ken ret­tet, mit der Situation vergleicht, dass ihr* das Er­trin­ken nicht mit­be­kommt. Elster schluss­fol­gert:

Eu­re Hand­lungs­frei­heit wird auf ent­schei­den­de Art er­wei­tert. Ihr könnt jetzt sehr wahr­schein­lich den Men­schen ret­ten. … Eu­re Hand­lungs­frei­heit wä­re gut aus­ge­führt, und der Stand der Din­ge wä­re bes­ser, als ihr selbst es ein­schät­zen wür­det. Aber eu­er Wohl­er­ge­hen wür­de recht wahr­schein­lich dar­un­ter lei­den. Ihr könnt es na­tür­lich ge­nie­ßen, ein Le­ben zu ret­ten, und teil­wei­se wird eu­er Wohl­er­ge­hen si­cher­lich po­si­tiv durch die Mög­lich­keit be­ein­flusst, et­was Gu­tes zu tun. Aber es ist mög­lich dass, un­ter Be­rück­sich­ti­gung al­ler Um­stän­de, eu­er eu­ge­nes Wohl­er­ge­hen nicht grö­ßer sein wird, und lasst uns (des Kon­trast wil­lens) an­neh­men, dass es tat­säch­lich nied­ri­ger ist. … Ei­ne Er­wei­te­rung der Hand­lungs­frei­heit kann mit ei­ner Re­duk­ti­on tat­säch­li­chen Wohl­er­ge­hens ein­her­ge­hen, durch un­se­re ei­ge­ne Wahl, ob­wohl ihr in keins­ter Wei­se gleich­gül­tig ge­gen­über eu­rem Wohl­er­ge­hen seid.[8] (WAF 206f)

Die Be­wer­tung re­sul­tiert hier al­so aus der Ag­gre­ga­ti­on von Be­find­lich­kei­ten aus un­ter­schied­li­chen Ver­bin­dun­gen zu ei­nem Wohl­be­fin­den des Men­schen an sich. Was hier pas­siert ist, dass durch das Ret­ten der er­trin­ken­den Per­son, bzw. schon al­lein durch die Mög­lich­keit, ei­ne neue Ver­bin­dung ein­ge­gan­gen wer­den kann. Da­mit ist das Be­fin­den mit und oh­ne die­se Mög­lich­keit kaum ver­gleich­bar, weil es z.T. ei­ner Ver­bin­dung zu­ge­ord­net ist, die im an­de­ren Fall gar nicht exis­tiert. Wenn hier vom Wohl­er­ge­hen ins­ge­samt die Re­de ist, dann ist da­mit ei­gent­lich das Wohl­er­ge­hen in der Ver­bun­den­heit, in der sich der Mensch oh­ne den Er­trin­ken­den be­fun­den hät­te ge­meint. Die­se Ver­wechs­lung ist des­halb leicht mög­lich, da die Ver­bin­dung zum Er­trin­ken­den ja (sehr) vor­über­ge­hen­der Na­tur ist; die Rettungsperson wird ja kurz dar­auf wie­der in den al­ten Verbindungen sein, in der sie auch sonst ge­we­sen wä­re. Für die­se Verbindungen ist der Er­trin­ken­de tat­säch­lich ab­träg­lich; da­mit lässt sich aber im­mer noch nicht sa­gen, dass es ins­ge­samt un­an­nehm­lich wä­re (denn ein Ge­samt­be­fin­den exis­tiert ja gar nicht, wenn wir Be­dürf­nis­se als in Ver­bin­dung exis­tie­rend be­trach­ten).

Die Rettung des Ertrinkenden setzt aber zu­nächst das Ein­ge­hen der Ver­bin­dun­g vor­aus, ein Um­stand, der beim Ver­ständ­nis von Frei­heit eben­so Be­rück­sich­ti­gung fin­den muss; dann spre­chen wir aber nicht mehr bloß von ei­ner well-being free­dom, son­dern von ei­ner agen­cy free­dom. Die­se Ent­schei­dung, wel­che Ver­bin­dun­gen wir ein­ge­hen, liegt selbst au­ßer­halb von Er­wä­gun­gen des Wohl­be­fin­dens, in dem Sin­ne dass dem Sub­jekt von au­ßen über­haupt nicht an­zu­se­hen ist, wel­che Ent­schei­dun­gen es dies­be­züg­lich tref­fen soll­te. Es spie­len hier me­ta­phy­si­sche Be­dürf­nis­se ei­ne Rol­le, die nur vom Sub­jekt selbst ver­stan­den wer­den kön­nen, und de­rer auch das Ent­schei­den selbst ein ele­men­ta­rer Be­stand­teil ist.

Wir ha­ben bis­her Frei­heit als Zu­stand auf­ge­fasst, mit dem sich das Sub­jekt ein­fach so kon­fron­tiert sieht. Die Mög­lich­kei­ten, aus de­nen ich* wäh­len kann (die Si­tua­ti­on und ih­re De­fi­ni­ti­on), wur­den je­doch ge­sell­schaft­lich-vor­sor­gend ge­schaf­fen, mei­ne Ent­schei­dungs­frei­heit ist durch die ge­sell­schaft­lich-vor­sor­gen­de Aus­übung der Ent­schei­dungs­frei­heit be­dingt.

Wenn ei­ne Fir­ma ein Elek­tro­ge­rät her­stellt, schränkt sie in­so­fern die Frei­heit im Um­gang da­mit ein, als dass sie da­für sorgt, dass be­stimm­te Din­ge da­mit nicht ge­macht wer­den kön­nen. Ge­sell­schaft­lich-vor­sor­gend wird hier­durch Si­cher­heit vor Strom­schlä­gen, Kurz­schlüs­sen etc. ge­währ­leis­tet. Auf­grund ka­pi­ta­lis­ti­scher In­ter­es­sen wird die­se Frei­heit aber auch ent­ge­gen des Nut­zungs­in­ter­es­ses ein­ge­schränkt, in­dem et­wa das Ge­rät im Fal­le ei­nes De­fekts nicht re­pa­riert wer­den kann, son­dern ein neu­es ge­kauft wer­den muss.

Durch si­cher­heits­re­le­van­te Ein­schrän­kun­gen ge­win­nen aber – trotz zu­rück­ge­nom­me­ner Wahl­frei­heit – die Nut­zen­den an tat­säch­lich emp­fun­de­ner Frei­heit, da sie jetzt frei, in­tui­tiv, sorg­los mit dem Ge­rät um­ge­hen kön­nen.

Auch in die­sem Sin­ne gibt es durch­aus Ma­ni­fes­ta­tio­nen von Frei­heit, die viel mit Wahl­frei­heit zu tun ha­ben, aber gleich­zei­tig dem emo­tio­na­len Ver­ständ­nis als Er­fül­lung nach­kom­men. Dies ist ins­be­son­de­re der Fall in ei­ner si­che­ren Um­ge­bung, wo ich* ver­schie­dens­te (für mich neue/un­be­kann­te) Din­ge aus­pro­bie­ren kann, oh­ne je­mals be­fürch­ten zu müs­sen, da­durch ir­gend­ei­nen ernst­haf­ten Scha­den zu er­lei­den. Dies ist of­fen­sicht­lich viel mehr ei­ne Frei­heit nach in­tui­ti­vem Ver­ständ­nis als wenn ich* bloß theo­re­tisch al­les ma­chen kann, über die Kon­se­quen­zen aber vor­her be­scheid wis­sen und ent­spre­chend vor­sich­tig sein muss.

Wir ha­ben bei der Dis­kus­si­on von Dis­po­si­tio­nen fest­ge­hal­ten, dass die­se nicht plötz­lich ent­ste­hen, und so­mit Ra­tio­na­li­tät kein au­gen­blick­li­cher Zu­stand ist, son­dern dass sie sich lang­sam, über lan­ge Zeit hin­weg her­aus­bil­den, so­wohl durch den in­di­vi­du­el­len als auch durch den ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­pro­zess: Das Nach­den­ken dar­über, was wir* glau­ben soll­ten und nach wel­chen Wer­ten wir* stre­ben soll­ten, wird nicht in je­der Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on aus dem Nichts neu er­schaf­fen, son­dern über lan­ge Zeit­räu­me hin­weg ge­sell­schaft­lich vor­sor­gend pro­du­ziert.

Das­sel­be gilt aber auch für die Ent­schei­dun­gen selbst: Es wird da­für ge­sorgt, dass wir* über­haupt nicht mehr je­des mal aufs Neue ent­schei­den müs­sen, son­dern dass die Ent­schei­dung in den ge­sell­schaft­li­chen Pro­zess in­te­griert ist, dass al­so ge­sell­schaft­lich vor­sor­gend ent­schie­den wur­de.

Die Frei­heit ei­ner Per­son lässt sich gut an­hand ih­rer Fä­hig­keit ein­schät­zen, ge­wünsch­te Er­geb­nis­se zu er­zie­len: Ob es der Per­son frei steht, die­ses oder je­nes Er­geb­nis zu er­zie­len; ob ih­re Ent­schei­dun­gen be­rück­sich­tig wer­den und die ent­spre­chen­den Din­ge pas­sie­ren. Bei die­sem Ele­ment der Frei­heit, wel­ches ich ef­fek­ti­ve Macht nen­nen möch­te, oder kurz Macht, kommt es nicht auf die Me­cha­nis­men und Ab­läu­fe der Kon­troll­aus­übun­g an. Es spielt für ef­fek­ti­ve Macht kei­ne Rol­le, wie ge­nau die Ent­schei­dun­gen aus­ge­führt wer­den. Tat­säch­lich müs­sen die Ent­schei­dun­gen nicht ein­mal di­rekt ad­dres­siert wer­den. Bei ef­fek­ti­ver Macht kann es auch um kon­traf­ak­ti­sche Ent­schei­dun­gen ge­hen: Din­ge kön­nen ge­tan wer­den auf­grund des Wis­sens, wie die Per­son wäh­len wür­de, wenn sie das Er­geb­nis tat­säch­lich kon­trol­lie­ren könn­te. Im Ge­gen­satz da­zu kann Frei­heit auch da­hin­ge­hend be­wer­tet wer­den, ob die Per­son selbst die Kon­trol­le über den Ent­schei­dungs­pro­zess aus­übt. Trifft sie im Zu­ge des Ent­schei­dungs- und Aus­füh­rungs­pro­zes­ses ak­tiv die Ent­schei­dun­gen? Die­ses Ele­ment der Frei­heit lässt sich als pro­ze­du­ra­le Kon­trol­le oder kurz Kon­trol­le be­zeich­nen. Für Frei­heit im Sin­ne von Kon­trol­le spielt es kei­ne Rol­le, ob die Per­son über­haupt an­satz­wei­se er­folg­reich dar­in ist, die Er­geb­nis­se her­bei­zu­füh­ren, für die sie sich ent­schei­den wür­de.[9] (WAF 208f)

Es geht hier um das Spek­trum zwi­schen dem, was Amar­tya Sen (ef­fec­tive) power und (pro­ce­du­ral) con­trol nennt, al­so zwi­schen Ent­schei­dungs­frei­heit in all­ge­mei­ner, in­di­rek­ter, vor­aus­schau­en­der Form bzw. in di­rek­ter Wei­se in der kon­kre­ten Ein­zel­si­tua­ti­on, wo­bei es sich hier si­cher­lich nicht um ein Ent­we­der/Oder han­delt, son­dern um ein Kon­ti­nu­um. Sen il­lus­triert diese ef­fektive Macht an fol­gen­dem Bei­spiel:

Eu­rer Freund wird durch ei­nen Un­fall ver­letzt und ist be­wusst­los. Die Ärz­tin sagt, dass ent­we­der Be­hand­lung A oder B an­ge­wen­det wer­den kann, und dass bei­de glei­cher­ma­ßen ef­fek­tiv wä­ren, aber dass eu­er Freund auf­grund ge­rin­ge­rer Ne­ben­wir­kun­gen un­ter A we­ni­ger lei­den wür­de. Ihr wisst aber, dass eu­er Freund Be­hand­lung B wäh­len wür­de, da A im Zu­sam­men­hang mit Tier­ver­su­chen steht, mit de­nen eu­er Freund ab­so­lut nicht ein­ver­stan­den ist. Er wür­de tat­säch­lich zu­stim­men, dass es ihm un­ter A bes­ser ge­hen wür­de, aber als frei­er Ent­schei­dungs­trä­ger wür­de er trotz­dem B wäh­len, wenn er selbst ent­schei­den könn­te. Wenn ihr jetzt ent­schei­det, die Ärz­tin an­zu­wei­sen, Be­hand­lung B an­zu­wen­den, dann gebt ihr eu­rem Freund ef­fek­ti­ve Macht, auch wenn er nicht selbst die Kon­trol­le aus­übt. Und eu­er Grund für die Ent­schei­dung für B ist si­cher­lich nicht sein Wohl­er­ge­hen (er weiß ja selbst, dass A da­für bes­ser wä­re), son­dern sei­ne Frei­heit (in der all­ge­mei­nen Form der Agen­cy Free­dom). Es sei eben­falls an­ge­merkt, dass eu­re Ent­schei­dung, wel­che Be­hand­lung eu­er Freund be­kommt, da­von ab­hängt, was eu­er Freund selbst wäh­len wür­de. Es ist nicht nur so, dass er be­kommt, was er selbst wäh­len wür­de; er be­kommt es, weil er es selbst wäh­len wür­de.

Der Kon­trast zwi­schen ef­fek­ti­ver Macht und pro­ze­du­ra­ler Kon­trol­le ist be­deut­sam für die Pra­xis. Oft­mals ist es nicht mög­lich, die Ge­sell­schaft der­art zu or­ga­ni­sie­ren, dass die Leu­te di­rekt die He­bel in Be­we­gung set­zen kön­nen, die al­le re­le­van­ten As­pek­te ih­res Le­bens kon­trol­lie­ren. Der Ver­such, Frei­heit aus­schließ­lich als Kon­trol­le zu be­trach­ten, muss die Be­din­gun­gen der Frei­heit dort ver­feh­len, wo die Kon­trol­le nicht prak­ti­ka­bel durch die Leu­te selbst aus­ge­übt wer­den kann.[10] (WAF 209f)

Hier­in spie­gelt sich sehr schön die Na­tur pro­duk­ti­ver Be­dürf­nis­se wi­der: Es ist un­be­frie­di­gend, wenn der wün­schens­wer­te Zu­stand nur zu­fäl­lig bzw. durch ei­nen nicht durch­schau­ba­ren Me­cha­nis­mus da­her­kommt. Wich­tig ist, dass Be­dürf­nis­se die Grund­la­ge für den Me­cha­nis­mus bil­den, der das ge­sell­schaft­li­che Re­sul­tat her­vor­bringt; hier­in er­öff­net sich die Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Pro­zess.

Zur Si­che­rung der vor­sorg­lich ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen kön­nen da­bei auch Sank­ti­ons­sys­te­me die­nen, denn:

Ein As­pekt der An­stren­gung zur Ent­wick­lung ko­ope­ra­ti­ons­re­le­van­ter Fä­hig­kei­ten und Hal­tun­gen sind stets auch die For­de­run­gen der an­de­ren bzw. de­ren bei man­gel­haf­ten ei­ge­nen Bei­trä­gen an­ti­zi­pier­ba­re Sank­tio­nen. Die­se For­de­run­gen und der ih­nen ver­lie­he­ne Druck wer­den da­bei je­doch, so­fern das Ziel tat­säch­lich den In­ter­es­sen al­ler ent­spricht, nicht als Zwang emp­fun­den, son­dern über die Ein­sicht, daß man mit den man­gel­haf­ten Bei­trä­gen nicht nur den Be­dürf­nis­sen der an­de­ren zu­wi­der­han­delt und da­mit die prin­zi­pi­el­le Ver­bun­den­heit mit die­sen ge­fähr­det, son­dern auch ge­gen die ei­ge­nen län­ger­fris­ti­gen In­ter­es­sen ver­stößt, letzt­end­lich als Un­ter­stüt­zungs­ak­ti­vi­tät er­lebt, so­daß sie po­si­tiv ge­wer­tet und in die ei­ge­ne An­stren­gungs­be­reit­schaft über­führt wer­den kön­nen. Ei­ne sol­che po­si­ti­ve Wer­tung von For­de­run­gen und Sank­tio­nen kann al­ler­dings in Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis­sen in­ner­halb ant­ago­nis­ti­scher Klas­sen­ge­sell­schaf­ten, bei wel­chen ei­ne Auf­ge­ho­ben­heit der ei­ge­nen in den ge­sell­schaft­li­chen In­ter­es­sen aus­ge­schlos­sen ist, prin­zi­pi­ell nicht ent­ste­hen: Wenn kei­ne be­wußt ko­ope­ra­ti­ven, son­dern ant­ago­nis­ti­sche Be­zie­hun­gen vor­lie­gen, be­deu­tet der Druck des an­de­ren im­mer den Ver­such der Durch­set­zung ei­gen­nüt­zi­ger In­ter­es­sen, kön­nen Sank­tio­nen al­so nur als di­rek­ter Zwang er­fah­ren wer­den. (M II 70)

Ziel ist al­so ein ein­ver­nehm­li­ches Sank­ti­ons­sys­tem: Sank­tio­nen soll­ten so ver­teilt wer­den, dass die­je­ni­gen, die sie er­hal­ten, da­nach sa­gen: Ja, das war ge­recht­fer­tigt! Die Sank­tio­nen ver­lie­ren da­durch nicht ih­ren Sinn, d.h. mensch kann nicht ein­fach sa­gen, wenn die Leu­te im Nach­hin­ein eh ein­se­hen, dass ihr Ver­hal­ten un­an­ge­mes­sen war und es be­reu­en, dann braucht es ja gar kei­ne Sank­ti­on – der blo­ße Hin­weis auf die Un­an­ge­mes­sen­heit des Ver­hal­tens müss­te ja dann rei­chen! Denn als so­zia­le We­sen brau­chen wir* nun ein­mal die Be­wer­tung un­se­res Ver­hal­tens durch Feed­back von an­de­ren, wel­ches tat­säch­lich auch das emo­tio­na­le Ge­wicht der Be­wer­tung zum Aus­druck bringt, d.h. wir müs­sen auch se­hen, dass an­de­re sich tat­säch­lich da­für ein­set­zen dass wir uns an­ge­mes­sen ver­hal­ten und es nicht bloß bei lee­ren Wor­ten be­las­sen. Wenn die­ses Feed­back in aus un­se­rer Sicht an­ge­mes­se­nen Sank­tio­nen be­steht, kön­nen wir da­für durch­aus sehr dank­bar sein.

Ge­nau wie die Ein­schrän­kung der Um­gangs­mög­lich­kei­ten mit dem Elek­tro­ge­rät vor Strom­schlä­gen schützt, so schützt die Ein­schrän­kung des ge­sell­schaft­li­chen Um­gangs da­vor, die so­zia­le In­te­gri­tät bzw. die ei­ge­ne Zu­ge­hö­rig­keit zu zer­stö­ren. Sol­che Maß­nah­men müs­sen mit glei­cher Um­sicht wie bei tech­ni­schen Ge­rä­ten ge­trof­fen wer­den.

Es ist of­fen­sicht­lich, dass es ir­gend­ei­nen Punkt ma­xi­ma­ler (sub­jek­tiv emp­fun­de­ner) Frei­heit ge­ben muss, wo es schwer ge­nug ist, die ein­mal ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung zu re­vi­die­ren, dass dies nicht aus Ver­se­hen pas­sie­ren kann und mensch sich un­nö­tig da­mit auf­hält, da­hin­ge­hend vor­sich­tig zu sein, bzw. ge­neigt wä­re, sich mit die­ser ei­gent­lich be­reits ge­klär­ten Ent­schei­dung er­neut auf­zu­hal­ten, aber leicht ge­nug, dass mensch im Fall ei­ner Mei­nungs­än­de­rung im­mer noch ei­ne zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Re­vi­si­on der Ent­schei­dung hat. Und hier kommt es für mei­ne* Frei­heit viel­mehr dar­auf an, wie­weit mir* die vor­sorg­li­che Ent­schei­dungs­fin­dung of­fen steht, bzw. wie­weit ich* die ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­se ge­ne­rell nach mei­nen* Wer­ten und Be­dürf­nis­sen ge­stal­ten kann.

Da­bei kann der Rah­men ma­xi­ma­ler Frei­heit auch durch­aus mal über Ge­ne­ra­tio­nen hin­aus rei­chen: Wenn sich be­stimm­te Kon­ven­tio­nen über vie­le Ge­ne­ra­tio­nen vor mir* als tat­säch­lich nütz­lich für die Men­schen er­wie­sen ha­ben (und nicht et­wa auf­ge­zwängt wur­den, wie dies bei vie­len Kon­ven­tio­nen in un­se­rem Sys­tem der Fall ist), dann wird es auch für mich* bzw. mei­ne* Frei­heit zu­träg­lich sein, wenn sich nur schwer von die­sen Kon­ven­tio­nen ab­wei­chen lässt. In die­sem Fall wird mei­ne* Frei­heit ge­währ­leis­tet, ob­wohl ich* bei der Ent­schei­dung über­haupt nichts mit­zu­re­den hat­te.

Wenn wir zum Bei­spiel die Frei­heit wol­len, nicht in den Stra­ßen über­fal­len zu wer­den und uns oh­ne der­ar­ti­ge Ge­fah­ren be­we­gen zu dür­fen, dann geht es uns um ef­fek­ti­ve Macht. Wer ge­nau die Kon­trol­le dar­über aus­übt, wird da­bei we­ni­ger ent­schei­dend sein als die Fä­hig­keit, zu er­rei­chen wo­für wir uns ent­schei­den wür­den. Wenn die Stra­ßen von den Räu­bern be­freit sind weil wir ent­schei­den wür­den, nicht über­fal­len zu wer­den, ist un­se­rer Frei­heit gut ge­dient, und das ob­wohl die Kon­trol­le über die Wahl, über­fal­len zu wer­den, uns selbst nicht ge­ge­ben wur­de.[11] (WAF 210)

In vie­len Ge­ne­ra­tio­nen vor mir* wur­de be­reits die Ent­schei­dung für si­che­re Stra­ßen ge­sell­schaft­lich ge­trof­fen. Es wä­re ex­trem schwer für mich*, die­se Ent­schei­dung zu re­vi­die­ren, al­so die Stra­ßen wie­der un­si­cher zu ma­chen; da­durch ist mei­ne* Frei­heit aber in keins­ter Wei­se ein­ge­schränkt.

Die op­ti­ma­le Frei­heit ist al­so an dem Punkt er­reicht, wo der Auf­wand zur Re­vi­si­on vor­ab fest­ge­leg­ter Re­geln pro­por­tio­nal zur Uni­ver­sa­li­tät der Sinn­haf­tig­keit die­ser Re­geln ist; das­sel­be gilt grund­sätz­lich auch für je­de an­de­re Art vor­ge­fass­ter Mei­nun­gen, d.h. mensch muss grund­sätz­lich in der La­ge sein, ei­ne vor­ge­fass­te Mei­nung zu re­vi­die­ren, aber der da­zu nö­ti­ge Auf­wand soll­te pro­por­tio­nal da­zu sein, wie of­fen­sicht­lich, un­mit­tel­bar ein­sich­tig, sinn­voll, be­währt etc. die Mei­nung ist.

Durch ge­sell­schaft­li­che Ver­mitt­lung wird die Si­tua­ti­on de­fi­niert, die ge­sell­schaft­li­che Lo­gik ge­schaf­fen, die Vor­ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, in­ner­halb derer die Frei­heit bzw. der Hand­lungs­spiel­raum des Sub­jekts sich dann ab­spielt. Es gibt Be­rei­che, in de­nen die Wahl­frei­heit un­ab­ding­bar für die mensch­li­che Ent­fal­tung ist, da hier die Wahl selbst ein ge­nui­nes Be­dürf­nis dar­stellt; dies gilt ganz we­sent­lich für das Ein­ge­hen von Ver­bin­dun­gen. In we­ni­ger per­sön­li­chen Be­rei­chen aber ist es um­so bes­ser, je mehr die Ge­sell­schaft vor­sor­gend die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen hat. Dann ha­be ich* nur noch dort ein tat­säch­li­ches In­ter­es­se an Wahl­frei­heit, wo die Ge­sell­schaft (für mich*) fal­sche Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen hat. Es han­delt sich dann so­zu­sa­gen um ei­ne Frei­heit von den fal­schen ge­sell­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen. Der Wunsch nach die­ser Frei­heit äu­ßert sich in dem Ge­fühl, dass et­was nicht so ist, wie es sein soll­te. Da da­mit aber noch nicht be­kannt ist, wie es denn bes­ser sein soll­te, ist der ein­zi­ge Weg zur Be­sei­ti­gung des Miss­stands, bzgl. der fal­schen ge­sell­schaft­li­chen Ent­schei­dung Frei­heit zu ge­win­nen – Frei­heit, um aus­pro­bie­ren zu kön­nen, wie es bes­ser ge­macht wer­den könn­te; und wenn die­se Er­fah­rung ge­won­nen ist, die neu­en Kon­ven­tio­nen wie­der zu ver­ste­ti­gen.

Fußnoten

  1. Power, in the first place, is sim­ply that: can-ness, ca­pa­ci­ty-to-do, the abi­li­ty to do things. Do­ing im­plies power, power-to-do. In this sen­se we com­mon­ly use ‘power’ to re­fer to so­me­thing good: I feel power­ful, I feel good. … The wo­men’s mo­ve­ment has gi­ven wo­men a grea­ter sen­se of their own power. Power in this sen­se can be re­fer­red to as power-to, power-to-do. ↩︎
  2. [T]he Le­ni­nist apho­rism that power is a mat­ter of who-whom is ab­so­lu­tely false, as in­de­ed is the Mao­ist say­ing that power co­mes out of the bar­rel of a gun: power-over may co­me out of the bar­rel of a gun, but not power-to. The strugg­le to li­be­ra­te power-to is not the strugg­le to con­struct a coun­ter-power, but ra­ther an an­ti-power, so­me­thing that is ra­di­cal­ly dif­fe­rent from power-over. … An­ti-power, then, is not coun­ter-power, but so­me­thing much mo­re ra­di­cal: it is the dis­so­lu­ti­on of power-over, the eman­ci­pa­ti­on of power-to. This is the gre­at, ab­surd, in­e­vi­ta­ble chal­len­ge of the com­mu­nist dream: to crea­te a so­cie­ty free of power re­la­ti­ons through the dis­so­lu­ti­on of power-over. This pro­ject is far mo­re ra­di­cal than any no­ti­on of re­vo­lu­ti­on ba­sed on the con­quest of power and at the sa­me ti­me far mo­re rea­listic. ↩︎
  3. Power-to, it must be em­pha­sis­ed again, is al­ways a so­ci­al power, even though it may not ap­pear to be so. … Our do­ing is al­ways part of a so­ci­al flow of do­ing, even whe­re it ap­pears to be an in­di­vi­du­al act. Our ca­pa­ci­ty to do is al­ways an in­ter­la­c­ing of our ac­tivi­ty with the pre­vious or pre­sent ac­tivi­ty of others. Power-to, the­re­fo­re, is ne­ver in­di­vi­du­al: it is al­ways so­ci­al. It can­not be thought of as exis­ting in so­me pu­re, un­sul­lied sta­te, for its exis­tence will al­ways be part of the way in which so­cia­li­ty is con­sti­tu­ted, the way in which do­ing is or­ga­nis­ed. Do­ing (and power-to-do) is al­ways part of a so­ci­al flow, but that flow is con­sti­tu­ted in dif­fe­rent ways.↩︎
  4. [S]ome­ti­mes less is mo­re or, mo­re spe­ci­fi­cal­ly, … so­me­ti­mes the­re are be­ne­fits from ha­ving fe­wer op­por­tu­nities ra­ther than mo­re. ↩︎
  5. [I]t is use­ful to dis­tin­gu­ish cle­ar­ly bet­ween the well-being as­pect and the agen­cy as­pect of a per­son. ↩︎
  6. Whe­re­as well-being free­dom is free­dom to achie­ve so­me­thing in par­ti­cu­lar, viz., well-being, the idea of agen­cy free­dom is mo­re ge­ne­ral, sin­ce it is not tied to any one ty­pe of aim. Agen­cy free­dom is free­dom to achie­ve wha­te­ver the per­son, as a re­sponsi­ble agent, de­ci­des he or she should achie­ve. ↩︎
  7. Alt­hough the agen­cy as­pect and the well-being as­pect both are im­port­ant, they are im­port­ant for qui­te dif­fe­rent re­a­sons. In one per­spec­tive, a per­son is se­en as a do­er and a judge, whe­re­as in the other the sa­me per­son is se­en as a be­ne­fi­ci­a­ry who­se in­te­rests and ad­van­ta­ges ha­ve to be con­side­red. The­re is no way of re­du­cing this plu­ral-in­for­ma­ti­on ba­se in­to a mo­nist one wi­t­hout lo­sing so­me­thing of im­port­an­ce. ↩︎
  8. Your agen­cy free­dom is, in an im­port­ant way, in­crea­sed. You can now very li­kely sa­ve the man. … Your agen­cy free­dom would ha­ve be­en well used, and the sta­te of af­fairs would ha­ve be­en bet­ter, as you would your­self judge it. But your well-being is, qui­te pos­si­bly, re­du­ced. You may, of cour­se, en­joy sa­ving a life, and a part of your well-being may cer­tain­ly be po­si­tively in­flu­enced by the op­por­tu­ni­ty to do good. But it is pos­si­ble that, ever­y­thing con­side­red, your own well-being is no hig­her, and let us as­su­me (to pur­sue our con­trasts) that it is ac­tual­ly lo­wer …. An ex­pan­si­on of agen­cy free­dom can go with a re­duc­tion in ac­tu­al well-being, through your own choice, even though you are not, by any means, in­dif­fe­rent to your own well-being. ↩︎
  9. A per­son’s free­dom may well be as­ses­sed in terms of the power to achie­ve cho­sen re­sults: whe­ther the per­son is free to achie­ve one out­co­me or ano­ther; whe­ther his or her choices will be re­spec­ted and the cor­re­spon­ding things will hap­pen. This ele­ment of free- dom, which I shall call ef­fec­tive power, or power (for short), is not re­al­ly con­cer­ned with the me­cha­nism and pro­ce­du­res of con­trol. It does not mat­ter for ef­fec­tive power pre­ci­sely how the choices are “exe­cu­ted.” In­de­ed the choices may not even be di­rect­ly ad­dres­sed. Ef­fec­tive power can ta­ke no­te of coun­ter­fac­tu­al choice: things might be do­ne be­cau­se of know­ledge of what the per­son would choo­se if he ac­tual­ly had con­trol over the out­co­me. In con­trast, a per­son’s free­dom may al­so be as­ses­sed in terms of whe­ther the per­son is him­self ex­er­cising con­trol over the pro­cess of choice. Is he ac­tively do­ing the choo­sing in the pro­ce­du­re of de­ci- si­on and exe­cu­ti­on? This ele­ment of free­dom may be cal­led proce­du­ral con­trol, or con­trol (for short). It does not mat­ter for freedom as con­trol whe­ther the per­son suc­ceeds at all in achie­ving what he would choo­se. ↩︎
  10. Your fri­end is in­ju­red in an ac­ci­dent and is un­conscious. The doc­tor says that eit­her tre­at­ment A or tre­at­ment B can be used and one would be just as ef­fec­tive as the other, but that your fri­end would suf­fer less from A be­cau­se of its smal­ler si­de ef­fects. Howe­ver, you hap­pen to know that your fri­end would ha­ve cho­sen tre­at­ment B, sin­ce tre­at­ment A is as­so­cia­ted with so­me ex­pe­ri­ments on li­ve ani­mals of which your fri­end disap­pro­ves to­tal­ly. He would, in fact, agree that tre­at­ment A would ha­ve be­en bet­ter for his well-being, but as a free agent he would ha­ve ne­vert­he­l­ess cho­sen tre­at­ment B, if he we­re gi­ven the choice. If you now de­ci­de to ask the doc­tor to gi­ve your fri­end tre­at­ment B, you are gi­ving your fri­end ef­fec­tive power even though he is not ex­er­cising the con­trol him­self. And your ground for choo­sing tre­at­ment B for him is su­rely not his well-being (he too agrees that A would be bet­ter for that), but his free­dom (in the ge­ne­ral form of agen­cy free­dom). It is al­so worth not­ing that your de­ci­si­on re­gar­ding what tre­at­ment your fri­end gets is de­pen­dent on what your fri­end would him­self ha­ve cho­sen. It is not on­ly that he hap­pens to be get­ting what he would ha­ve cho­sen; he is get­ting it be­cau­se he would ha­ve cho­sen it. The con­trast bet­ween ef­fec­tive power and pro­ce­du­ral con­trol is im­port­ant in prac­tice. It is of­ten not pos­si­ble to or­ga­ni­ze so­cie­ty in such a way that peop­le can di­rect­ly ex­er­ci­se the le­vers that con­trol all the im­port­ant as­pects of their per­so­nal li­ves. To try to see free­dom ex­clu­si­vely in terms of con­trol is to miss out on the de­man­ds of free­dom when con­trol can­not fea­si­bly be ex­er­ci­sed by the per­sons them­sel­ves. ↩︎
  11. If, for examp­le, we want the free­dom not to be mug­ged in the streets and the li­ber­ty to mo­ve about wi­t­hout being so trea­ted, we are loo­king for ef­fec­tive power. Pre­ci­sely who ex­er­ci­ses the con­trol may be less im­port­ant than the abi­li­ty to achie­ve what we would ha­ve cho­sen. If the streets are clea­red of the mug­gers be­cau­se we would choo­se not to be mug­ged, our free­dom is being well ser­ved, even though we ha­ve not be­en gi­ven con­trol over the choice of whe­ther to be mug­ged or not. ↩︎

Literatur

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